Da war die Sache mit den 10 000 Wasserflaschen. Die wurden für die Notunterkunft in Dresden Friedrichstadt gebraucht. "Erst hatten wir welches mit Kohlensäure, das geht natürlich nicht", erzählt der Innenminister. Dann hatte man versehentlich Pfandflaschen besorgt. Doch das Pfandsystem war in der Zeltstadt nicht wirklich anwendbar. Ulbig lächelt leicht verlegen. Jetzt sind die richtigen Flaschen jedenfalls da.

Ein Detail nur, doch es verdeutlicht die immense Herausforderung der Flüchtlingsunterbringung: Tausende Probleme sind zu lösen. Pro Tag kommen bis zu 300 Menschen dazu, die versorgt und untergebracht werden müssen. Eine Entspannung der Lage ist nicht in Sicht. Allein im Juli kamen über 4000 Menschen nach Sachsen - im ganzen Jahr 2014 waren es 12 500. Um die 10 000 Asylanträge hat die Ausländerbehörde zu bearbeiten, 4000 Verfahren sind abgeschlossen. Und der zuständige Minister steht verloren da.

Montagvormittag beim Roten Kreuz in Dresden. Ulbig hat soeben die Zeltstadt in der Friedrichstadt besucht, wo 1700 Asylbewerber kampieren. Gerade erst ist er aus dem Urlaub in Tirol wieder da. Wagen voller Kleiderspenden werden abgeladen, drin am Schalter meldet sich eine Studentin für ein paar Tage Freiwilligendienst an. Ulbig lobt das Engagement der vielen Helfer und Spender, das macht man so. Doch für die ruppigen Auseinandersetzungen rund um das Camp, die NPD-organisierten Proteste, die Randale, den Kampf der Worte im Netz findet der Minister keine Worte. Ulbig räumt ein, "dass es am Anfang Schwierigkeiten gegeben hat". Die klaren Worte findet ein anderer aus der Besuchergruppe: "Es irren die, die sagen, jeder soll hier bleiben können", sagt CDU-Innenexperte Christian Hartmann, und schiebt nach eine "Absage an die, die hier mit dumpfen Thesen kommen". Dem Innenminister ist der Sinn für die richtige Geste zur richtigen Zeit abhandengekommen.

Die Unterbringung der Asylbewerber bestimmt seit über einem Jahr die Agenda im Innenministerium, drängt jedes andere Thema in den Hintergrund. Das Chaos und die Proteste rund um die Heime haben den CDU-Mann Ulbig die Oberbürgermeisterwahl in Dresden gekostet. Mit 15,4 Prozent schied er Anfang Juni aus dem ersten Wahlgang. Ein Schock für den 51-Jährigen, der seitdem mühevoll Haltung bewahrt.

Offiziell fallengelassen hat Regierungschef Stanislaw Tillich (CDU) seinen Innenminister nicht. Doch beim schwierigen Thema Asyl zeigt sich, wie allein Ulbig dasteht. Der angeschlagene Minister kriegt es von allen Seiten. Von Landräten und Bürgermeistern, die keine Flüchtlinge mehr wollen. Von der Opposition, die sich Lösungsvorschläge spart, dafür Ulbigs Rücktritt fordert. In Staatskanzlei und Landtag schütteln sich die Köpfe über Kommunikationspannen aus dem Innenministerium. Wie die mit der syrischen Flüchtlingsfamilie aus Stollberg, mit der sich Ulbig im April fotografieren ließ. Um zu zeigen, wie gut die Erstaufnahme im Land funktioniert, wie es hieß. Als die Familie dann im Mai abgeschoben werden sollte, fand Ulbig keine Worte. Er hätte den Unterschied zwischen Erstaufnahme und Bleiberecht erklären können, er tat es nicht. Bezeichnend auch der desaströse Bürgerinfo-Abend in Freital, wo Ulbig allein einer wütenden Meute Rede und Antwort stand. Unterstützt nur von ein paar Vizes - kein Bürgermeister, kein Abgeordneter ließ sich blicken.

Asyl ist ein Thema, mit dem sich politisch nichts gewinnen lässt. Hier lässt sich nicht mit guten Nachrichten punkten. Die Leute draußen müssen überzeugt werden, zur Not auch Einschränkungen in Kauf zu nehmen. Ein zuständiger Minister muss zeigen, dass er handeln kann. Vieles muss ad hoc gelöst werden, Fehler sind unvermeidbar.

Die Zelte in der Friedrichstadt sind kein Ruhmesblatt für Politik und Verwaltung. Wie die Flüchtlinge bis zum Herbst ein festes Dach überm Kopf bekommen sollen, weiß noch keiner. Bis jetzt hat alles irgendwie funktioniert, auch das mit den Wasserflaschen. Ulbig indes wirkt bei alledem nicht wie einer, der die Situation im Griff hat. Eher wie einer, der für diese eine schwierige Aufgabe noch gebraucht wird.