Vor etwas mehr als einem Jahr war er noch der strahlende Sieger der "Orangenen Revolution" in der Ukraine. Nun musste Viktor Juschtschenko mit seiner Partei Unsere Ukraine bei der Parlamentswahl eine schwere Niederlage hinnehmen. Der Präsident steht nun vor einer undankbaren Wahl: Entweder er koaliert mit der Partei von Viktor Janukowitsch, seinem während der "Orangenen Revolution" gedemütigten und nun siegreichen Gegner. Oder er bildet ein Duo mit seiner einstigen Gefährtin aus Revolutionstagen, der selbstbewussten Julia Timoschenko. Diese Option scheint realistischer - doch wegen vieler ungelöster Konflikte des ungleichen Paares nicht wirklich viel versprechender.
"Die wahrscheinlichste Koalition wird orange sein", sagt Wolodimir Fesenko, Direktor von Penta, dem Zentrum für Politische Studien in Kiew. "Der Sieg von Janukowitsch wird nur formaler Natur sein". So könnte jenes Duo, das die Ukraine nach der "Orangenen Revolution" regierte, in Kiew in alter Formation wieder an die Macht gelangen: Juschtschenko als Präsident, Timoschenko als Regierungschefin. Doch die erste Doppelspitze der beiden geriet zum Fiasko. Die Blöcke der beiden machtbewussten Politiker zerrieben sich im täglichen Kleinkrieg. Im vergangenen September zog Juschtschenko spektakulär die Notbremse - und entließ die Regierung Timoschenko.
Nun müssten die Lager der beiden Politiker erst neues Vertrauen aufbauen, um mit ein ander zu regieren. Doch die Streitpunkte der Vergangenheit sind noch immer nicht gelöst: So dringt Timoschenko auf eine Prüfung dubioser Privatisierungen von Staatsunternehmen. Juscht schenko, seit jeher Verfechter der Unternehmerfreiheit, will deren Besitz dagegen nicht antasten. Er fürchtet vor allem ein negatives Signal an ausländische Investoren. Timoschenko will auch das Erdgas-Abkommen mit Russland zurücknehmen, das Juschtschenkos Regierung erst vor kurzem schloss. Die Ukraine verpflichtet sich darin unter dem Druck Russlands de facto zu höheren Gaspreis-Zahlungen an Russland.
Doch Juschtschenko könnte am Ende keine Wahl bleiben. Timoschenko besteht auf dem Amt der Regierungschefin. Gefragt, was passieren würde, wenn Juschtschenko ihr diesen Posten nicht geben wolle, sagte sie: "Dann müsste er einer Regierung unter Führung von Janukowitsch akzeptieren." Doch ein Bündnis mit dem pro-russischen Politiker, der vor allem im Osten des Landes große Sympathien genießt, würde völlig gegen Juschtschenkos bisherige Politik laufen.
Der Präsident versucht seit seinem Amtsantritt, die Ukraine mit Reformen näher an die Europäische Union und an die Nato heranzubringen. Janukowitsch steht dagegen für die klassische Politik der Ex-Sowjetrepublik, die den großen Nachbarn Russland als wichtigsten strategischen Partner ansieht. So scheint ein Erfolg einer Koalition selbst dann schwer vorstellbar, wenn sich die beiden Männer nach den bitteren Duellen der Präsidentschaftswahl 2004 überhaupt an einen Tisch setzen würden.
Juschtschenko bliebe nur noch ein dritter Ausweg: Gibt es bis zum 10. Juni keine neue Regierung, könnte er das Parlament auflösen und Neuwahlen ausrufen. Unpopulär wie selten und geschwächt von wirtschaftlichen Misserfolgen, dürften Juschtschenko und seine Partei aber bei einem neuerlichen Urnengang kaum besser abschneiden.
Das Bündnis mit Timoschenko scheint also wahrscheinlich, auch wenn Beobachter davor warnen. "Timoschenko war keine gute Führerin für die Reformen", sagt etwa Michael Emerson, Politologe am Europäischen Politikinstitut in Brüssel. "Die Menschen, die Timoschenko über ihr hübsches Gesicht hinaus kennen, wissen, dass sie eine absolut chaotische Ministerpräsidentin war."