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„Überrascht, dass er so die Fassung verliert“

Der KZ-Vergleich von Italiens Ministerpräsident Silvio Berlusconi hat zu deutlichen Verstimmungen zwischen Berlin und Rom geführt. Zwar bedauerte Berlusconi am gestrigen Abend in einem Telefonat seine Worte, im Gespräch mit der RUNDSCHAU zeigte sich der Europa-Abgeordnete Martin Schulz zuvor trotzdem überrascht, dass Berlusconi so schnell die Fassung verloren hat. Er fordert, der Italiener müsse sich beim ganzen Parlament entschuldigen und seine Haltung gründlich überdenken.


Herr Schulz, haben Sie gut geschlafen?
Wenig zwar, aber gut.

Berlusconis verbaler Ausfall hat doch international für Schlagzeilen gesorgt und Ihr Name ist nun in aller Munde. Hat Sie das zumindest überrascht, fühlen Sie sich vielleicht sogar gebauchpinselt?

Nein. Seit ich Abgeordneter im Europaparlament bin, befasse ich mich mit organisierter Kriminalität und damit automatisch mit der italienischen Innenpolitik. Die Jungs haben mich seit jeher in der Peilung. Wenn ich einen Beitrag dazu leisten konnte, dass der gefährliche Zug von Berlusconi öffentlich bekannt wurde, dann ist mir das allerdings eine Genugtuung.

Der italienische Ministerpräsident hat Ihnen vor der Sitzung des Europaparlamentes die Hand geschüttelt. Wieso?
Er war von 1999 bis 2001 Abgeordneter hier im Parlament. Man kennt sich also.

Wie hat er denn während dieser Zeit auf Sie gewirkt?

Meistens abwesend, selten anwesend, und wenn doch anwesend, nur zu Schauveranstaltungen. Vor der Sitzung am Mittwoch war unser Verhältnis jedenfalls kühl, jetzt ist es eiskalt.

Hat Sie die Reaktion Berlusconis, also der Vergleich Ihrer Person mit einem Nazi-Schergen überrascht?
Überrascht hat mich, dass er so die Fassung verliert. Und das schon bei solch einer kleinen Auseinandersetzung.

Haben Sie ihn bewusst gereizt?
Ich habe ihm bewusst drei Fragen gestellt zur europäischen Justizpolitik und kann mir gut vorstellen, dass er sich von denen gereizt fühlte. Was Berlusconi jetzt über seine Zeitungen macht, ist ja der Versuch, aus dem Opfer den Täter zu machen. Das ist die übliche Methode. Selbst wenn ich ihn gereizt hätte, rechtfertigt das nicht diesen Vergleich.

Der Bundeskanzler hat gestern eine Entschuldigung von Berlusconi verlangt. Gab es Ihrerseits ein Gespräch mit Gerhard Schröder?
Nein. Aber das Kanzleramt hat mich angerufen und hat mir mitgeteilt, dass Berlusconis Äußerungen nicht akzeptabel seien und man den italienischen Botschafter einbestellen werde.

Was erwarten Sie denn jetzt vom italienischen Ministerpräsidenten?
Dass er klar macht, dass er als Präsident des Europäischen Rates nicht sich selbst vertritt, sondern auch alle anderen europäischen Regierungschefs. Und dass er deshalb eine andere Haltung an den Tag legen muss. Das Europaparlament ist nicht die nationale Abgeordnetenkammer, sondern hier ist er konfrontiert mit den Vertretern aller Europäer. Und da hat er sich entsprechend zu benehmen.

Gibt es aus Ihrer Sicht überhaupt noch eine Grundlage für die Zusammenarbeit des Parlamentes mit Berlusconi?
Wenn er begreift, dass er sich anders verhalten muss, und dem Parlament als Institution gegenüber sagt, es tut mir leid, dann geht es hier normal weiter. Weil wir ja alle ein Interesse am Erfolg der Ratspräsidentschaft haben. Wenn er das nicht tut, wird es sicherlich zu erheblichen Spannungen kommen. Ich rate dazu, mit ihm zu reden, und ich rate ihm, mit uns zu reden. Wenn er das nicht tut, werden wir eine schwere Zeit haben.

Mit MARTIN SCHULZ
sprach Hagen Strauß