Auf das Klingeln an der Wohnungstür von Angelika und Falk B. reagiert nur ein Hund. Er kläfft, ärgerlich über die Störung. Ansonsten tut sich nichts. Die Eltern des verhungerten Dennis sind entweder unterwegs oder wollen nicht öffnen. Vor über einem Jahr waren sie vom Landgericht Cottbus wegen Mordes aus Grausamkeit und Misshandlung ihres sechsjährigen Kindes zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt worden. Ins Gefängnis mussten sie bisher nicht. Das Ehepaar hatte beim höchsten deutschen Strafgericht Revision gegen die Urteile eingelegt.
In einem wesentlichen Teil bekamen sie Recht. Der BGH urteilte: Die Eltern haben das Kind zwar vorsätzlich getötet, sind aber keine Mörder. In der Begründung hieß es, dass der Junge aufgrund der Mangelernährung, die sich über Jahre hingezogen habe, zuletzt weder Hungergefühle geäußert habe noch sonst besondere Schmerzen erkennen ließ. Für das Mordmerkmal der Grausamkeit wäre das jedoch erforderlich gewesen. Zudem sei Dennis die Nahrung nicht verweigert worden, so der BGH. Deshalb habe er den Schuldspruch von Mord in Totschlag umgewandelt. Die Eltern hätten zwar erkannt, dass der Sechsjährige immer mehr abmagerte und schließlich vollständig entkräftet war. Es bleibe aber letztlich offen, ob die Untätigkeit der Angeklagten nicht insgesamt nur einer Lebensführung entsprang, die von Gedanken- und Hilflosigkeit und Passivitä t geprägt war, erklärten die Richter des 5. (Leipziger) Strafsenates weiter. Die Angeklagten hätten die fortschreitende Auszehrung zur Kenntnis genommen. Daraus könne aber nicht ohne weiteres geschlossen werden, dass Angelika und Falk B., körperliche und seelische Schmerzen bei Dennis registriert hätten, zumal sie mit der Versorgung ihrer sieben Kinder heillos überfordert waren.
Ein Nachbar von Angelika und Falk B., die in einer elfgeschossigen Wohnscheibe im Cottbuser Stadtteil Sandow wohnen, schüttelt über die BGH-Entscheidung nur den Kopf. „Ich kann das nicht nachvollziehen“ , sagt er. „Die kümmern sich doch auch jetzt nicht um die kleinen Kinder, wenn sie bei ihnen sind“ , fügt der Mann hinzu. „Die Kleinen sind oft allein vor dem Haus und wühlen mit ihren dünnen Ärmchen in den Briefkästen herum“ , schimpft er.
Nach der Entdeckung der Leiche des sechsjährigen Dennis im Juni 2005, zweieinhalb Jahre nach dessen Tod, brachte das Jugendamt die vier minderjährigen Kinder der Familie in Heimen unter. Dort sind sie auch heute noch und haben nur begrenzten Kontakt zu den Eltern.
Mathias Gohr (41), Inhaber der Gaststätte Video-Schänke vis-a-vis des Wohnblocks schlägt sich mit der Hand an den Kopf, als er von der BGH-Entscheidung hört. „Die sollen sich ihr Lehrgeld zurückgeben lassen“ , kanzelt er die BGH-Richter ab. Für ihn seien die B.s gestorben, obwohl sie jahrelang Stammgast im Lokal waren. „Denen habe ich Gaststättenverbot erteilt“ , sagt er.
Ein älteres Ehepaar, das mit seinem Hund Gassi geht, hält ebenfalls mit der Meinung nicht hinter dem Berg. „Das sind doch keine Menschen, die ein Kind verhungern lassen.“ Allerdings hätten auch die Behörden ihren Anteil am Tod des Kindes, bekräftigt das Paar. So hatte das staatliche Schulamt der Mutter ohne Prüfung geglaubt, dass Dennis nicht zur Schule gehe, weil er schwer an Diabetes erkrankt und deshalb zur Kur sei. Auch das Jugendamt hatte das Fehlen des Kindes nicht bemerkt. Rechtsanwalt Guido Schmidt, der Falk B. verteidigt hatte, ist vom BGH-Urteil nicht überrascht. „Über das Mordmerkmal Grausamkeit ist damals nicht verhandelt worden, über mögliche Schmerzen von Dennis keine Beweisaufnahme erfolgt“ , stellt Schmidt fest. Schon deshalb sei das Urteil des Landgerichts Cottbus falsch gewesen.
Mit Unverständnis hat der brandenburgische Bund Deutscher Kriminalbeamter (BDK) auf die Entscheidung des BGH reagiert. Wieder einmal hätten die Richter die Opferperspektive aus dem Blick verloren, sagt der Cottbuser Landesvorsitzende des BDK, Wolfgang Bauch. „Es ist unglaublich, wie hier Besonderheiten der Täterpersönlichkeiten entlastend in den Vordergrund geschoben werden“ , so Bauch. Der BGH gibt nach Ansicht der Kripo-Gewerkschaft auch kriminalpolitisch ein falsches Signal: „Gefühlsduselei mit den Tätern.“
Der BDK fordert die Staatsanwaltschaft Cottbus auf, zu prüfen, ob sie den Erlass von Haftbefehlen gegen die Eltern beantragt. Schließlich seien diese ja jetzt bereits wegen Totschlags schuldig gesprochen. Der Leitende Oberstaatsanwalt, Wilfried Robineck, lehnt das ab. „Wir können doch nicht mit Fluchtgefahr argumentieren, nachdem das Mordurteil umgewandelt ist“ , erklärt er. Die Staatsanwaltschaft könne mit dem Urteil leben. „Wir hatten ja Totschlag angeklagt. Erst im Verlauf des Prozesses wurde daraus ein Mordvorwurf“ , sagt Robineck.
Nach Angaben von Ralph Matzky, Sprecher des Landgerichtes, wird die 2. Große Strafkammer nach einer erneuten Hauptverhandlung die Höhe der Strafe wegen Totschlags festlegen, die zwischen fünf und 15 Jahren betragen könne. Einen Zeitpunkt für den Beginn des Prozesses nannte er nicht.