Seit zehn Verhandlungstagen sitzt sein Mandant schweigend auf der Anklagebank des Potsdamer Landgerichts. Er soll am Ostersonntag 2006 den Deutsch-Äthiopier Ermyas M. durch einen Faustschlag lebensgefährlich verletzt haben. Den wegen unterlassener Hilfeleistung angeklagten Thomas M. würdigt er keines Blickes.
Schließlich beharren beide darauf, sich nicht wirklich zu kennen. Und am Tatort wollen sie am fraglichen 16. April 2006 schon gar nicht gewesen sein. Das Gegenteil beweisen sollte eigentlich eine DNA-Analyse, auf die die Staatsanwaltschaft ihre Anklage gegen Thomas M. stützt. Doch eine Molekularbiologin musste einräumen, dass Spuren an einer Bierflaschen-Scherbe vom Tatort zwar von Thomas M. stammen könnten. Mit welcher Wahrscheinlichkeit, sei aber unklar. Sogar Thomas Zippel, Anwalt von Nebenkläger Ermyas M., konstatiert: "Eine Verurteilung auf Grundlage des Gutachtens ist völlig auszuschließen".

Fehlende Erinnerung
An jedem Prozesstag sitzt das Opfer, das damals wochenlang mit dem Tode rang, im Saal 009. Ermyas M., dem es wieder "relativ sehr gut geht", kann sich an den Übergriff nicht erinnern. An eine Identifikation der Täter ist nicht zu denken. Im Prozess tauchten zahlreiche Zeugen auf, die zumindest Teile des Geschehens beobachtet haben, konkrete Täter-Beschreibungen konnte jedoch keiner liefern. Widersprüche zu Hauf - ein Taxifahrer, der lieber ins Depot fährt, als zu helfen, Jugendliche, die die Attacke sehen und schnell in der nächsten Disko verschwinden. Die Aussagen lassen die Zuschauer ein ums andere Mal die Köpfe schütteln.
"Die Beweislage der Staatsanwaltschaft ist gleich Null", betont Schöneburg. Erleichtert wird dies nicht gerade dadurch, dass beispielsweise ein als "Kronzeuge" gehandelter Ex-Mithäftling von Björn L. aus der Untersuchungshaft lieber Beugehaft in Kauf nimmt, als sich vor Gericht zu äußern. Ihm gegenüber soll der 30-Jährige einmal mit der Tat geprahlt haben. Damals ermittelte noch die Bundesanwaltschaft wegen versuchten Mordes aus Ausländerhass, hochrangige Politiker forderten restlose Aufklärung, eine Debatte um "No-Go-Areas" für Ausländer im Zusammenhang mit der Fußball-WM entbrannte. Doch wenig später musste die Bundesanwaltschaft einräumen, dass sich die Vorwürfe nicht halten ließen. Von Fremdenfeindlichkeit steht nichts mehr in der Anklage.

Keine handfesten Beweise
Zu der wäre es nach Einschätzung von Schöneburg wohl nie gekommen ohne den politischen und medialen Rummel in den Wochen nach der Tat. "Es hat sich einfach niemand mehr getraut zu sagen: Wir haben die Falschen". Tatsächlich hat der Prozess, der zunächst bis Anfang Mai terminiert ist, aus Sicht von Nebenklage und Verteidigung bisher keine handfesten Beweise erbracht. Immer wieder ging es um den Mitschnitt eines Teils des Tatgeschehens auf der Handy-Mailbox der Ehefrau des Opfers. Mehrere Zeugen wollen darauf die "markant hohe" Stimme von Björn L. - Spitzname "Pieps" - wiedererkannt haben.
Aber auf der anderen Seite beteuern Hausarzt, Polizeibeamte und Angehörige: "Björn L. konnte wegen einer Kehlkopfentzündung nur krächzen." Seine Stimme sei leise und tief gewesen. Nebenklage-Anwalt Zippel betont: "Hier bleibt noch das Stimmengutachten abzuwarten". Sollte dieses für die Staatsanwaltschaft, die öffentlich keine Zwischenbilanz des Prozesses ziehen will, die Wende bringen, müsste sie wohl nicht mehr ganz aus der Defensive heraus agieren. Andernfalls bleibt die entscheidende Frage möglicherweise bis auf weiteres unbeantwortet: Wer schlug Ermyas M. fast zu Tode?