Dann beginnt ein langer, zäher Dialog, der eher wie ein Großmutter-Enkel-Gespräch anmutet. Die angehende Ärztin kommt ins Schwitzen und merkt, dass sie sich gerade in punkto Gesprächsführung noch einiges aneignen muss.
Wie ein professionelles Gespräch des Arztes mit seinem Patienten aufgebaut wird, lernen die etwa 400 Medizinstudenten der Leipziger Universität seit zwei Jahren. Als einzige Bildungsstätte Deutschlands bietet sie allen Auszubildenden des dritten und vierten Semesters im Pflichtfach Gesprächsführung die Chance, sich ausschließlich mit diesem wichtigen Thema zu befassen. Als Besonderheit trainieren dies die angehenden Ärzte mit Schauspielpatienten.

Kritik am Arzte üben
Auch die 80-jährige ältere Dame, die ihre neue, junge Hausärztin kennenlernen will, ist eine Laienschauspielerin, die zuvor für ihren ungewöhnlichen Job gecastet wurde. Ebenso testen professionelle Darsteller, beispielsweise aus dem Leipziger Schauspielhaus, im Rollenspiel die Gesprächsführungsqualitäten der Medizinstudenten. Dann müssen die Mimen - anders als es echte Patienten tun - konstruktive Kritik am Vorgehen ihres "Arztes" üben.
"Eine professionelle Gesprächsführung haben die wenigsten Ärzte drauf", sagt Diplompsychologe Oliver Decker, der diesen Kurs gemeinsam mit seiner Kollegin Katrin Rockenbauch aufgebaut hat. Beide arbeiten in der Abteilung für Medizinische Psychologie und Medizinische Soziologie der Universität Leipzig. Vor zwei Jahren führte Rockenbauch in einem Workshop selbst Gespräche mit Schauspielpatienten. "Das war eine gute Erfahrung", schwärmt die Diplompsychologin. Die brachte sie auch auf die Idee, diesen wichtigen Aspekt in die medizinische Ausbildung zu integrieren.
In den Kursen lernen die Studenten, wie sie aus Mimik und Gestik ihres Gegenübers wichtige Schlüsse ziehen und wie ein kurzer Dialog dennoch effektiv gestaltet werden kann. Eine Grundregel für den Arzt sei beispielsweise, das Patientengespräch nie mit einer geschlossenen Frage zu beginnen, berichtet Decker.
Oft fehlt den Medizinern im Alltag in Praxen und Kliniken die Zeit für ein ausführliches Gespräch mit ihren Patienten. Dabei sei es gerade eine Hauptmethode der Diagnostik, betont Rockenbauch. "Und für ein gutes, professionell geführtes Gespräch braucht man gar nicht so viel Zeit", weiß die junge Psychologin.

Rollenspiele umfassend auswerten
Damit die angehenden Ärzte das lernen, trainieren sie mit den Schauspielern. Die Rollenspiele werden auf Video dokumentiert und umfassend ausgewertet. Am Ende dieser Ausbildung dürfen die Studenten sogar einmal mit echten Patienten der Universitätskliniken sprechen, sie zu ihrem Krankenhausaufenthalt und ihren Emotionen in Bezug auf ihre Krankheit befragen. Dies sei wichtiges Training für ihre spätere Arbeit als Mediziner, betont Decker.
Wenn Mediziner wissen, wie ein Arzt-Patienten-Gespräch geführt wird, dann könnten - davon sind Rockenbauch und Decker überzeugt - Kosten im Gesundheitswesen eingespart werden. Im vertrauensvollen Dialog erfahre der Arzt oft viel mehr als bei aufwendigen Untersuchungen.