August weckte, ist nicht mehr viel übrig. Damals hatte er auch an die Adresse seiner Gegner gesagt: "Lasst uns die alten Auseinandersetzungen in der alten Türkei zurücklassen." Am heutigen Freitag herrscht Erdogan seit 100 Tagen in seiner "neuen Türkei".

Erdogans oft krude wirkenden Äußerungen rufen Spott bei Kritikern und Sorge bei Bündnispartnern hervor. Vor dem Türkei-Besuch von Papst Franziskus warf Erdogan dem Westen vor, Muslime ausbeuten zu wollen. Für Aufmerksamkeit sorgte das Staatsoberhaupt auch mit seiner These, muslimische Seefahrer hätten Amerika bereits Jahrhunderte vor Kolumbus entdeckt. Ausgerechnet auf einem Frauengipfel in Istanbul riet er Frauen, sich auf ihre Mutterrolle zu konzentrieren.

Besonders ihre Rolle im Kampf um Kobane hat der Türkei viel Kritik eingebracht - und Zweifel an der Bündnisfähigkeit des Nato-Partners gesät. Mit seinem Zickzackkurs stieß Erdogan fast alle beteiligten Parteien vor den Kopf.

Während Erdogan gegen (vermeintliche) Gegner im Ausland austeilt, überlässt er das innenpolitische Feld weitgehend dem von ihm selber auserkorenen Nachfolger im Amt des Ministerpräsidenten, Ahmet Davutoglu. Auch wenn Davutoglu formell Regierungschef und Vorsitzender der islamisch-konservativen AKP ist, macht Erdogan immer wieder deutlich, dass der Präsident den Kurs bestimmt.

Zugleich schreitet die Islamisierung des Landes schleichend voran. Den Kurs der "neuen Türkei" setzt Erdogan vom Präsidentenpalast aus, den er in Ankara nach Angaben der regierungskritischen Architektenkammer in einem Naturschutzgebiet errichten ließ. Offiziell wurden die Kosten für den Prunkbau nie bekannt gegeben, inoffiziell sollen es rund 400 Millionen Euro sein. Das ist viel Geld in einem Land, in dem die Wirtschaft schwächelt. Zwar könnte ein Ende des türkischen Wirtschaftsbooms Erdogans Macht gefährden. Bislang sitzt er aber fest im Sattel. Sein großes Ziel scheint nicht unerreichbar: Erdogan will die Republik in ihren 100. Geburtstag 2023 führen.