Eine Platzwunde am Unterarm, das linke Bein von blauen Flecken übersät, das rechte Handgelenk verstaucht - so endete für Marlies Wagner (Name geändert) Anfang April 2005 der Besuch eines Cottbuser Baumarktes. Die 71-jährige erinnert sich noch, wie am Ausgang des Marktes von rechts plötzlich eine Schiebetür auf sie zukam. Der Aufprall warf die Frau gegen ein Metallregal. Mehrere Baumarkt-Kunden halfen Marlies Wagner auf. Aus ihrem linken Ärmel tropfte Blut. Wenig später brachten Sanitäter die Verletzte ins Krankenhaus, das sie mit Schmerzen und geklebter Platzwunde wieder verlassen konnte.
Wenige Wochen später besuchte Marlies Wagner den Baumarkt erneut. „Meine Unfallversicherung hatte mir geraten, auf Schmerzensgeld zu klagen.“ Weil die Baumarkt-Geschäftsführung per Anwalt ausrichten ließ, dass sie bei sich kein Verschulden erkennen kann und deshalb die 2000 Euro nicht zahlen werde, suchte die Cottbuserin wiederholt das persönliche Gespräch. Am Ende war der Streit mit einer Zahlung von 800 Euro aus der Welt.
Das Schmerzensgeld sei ihr aber gar nicht so wichtig, betont Marlies Wagner. Sie wolle vor allem nicht als die Schuldige dastehen, die nur nicht richtig aufgepasst hat. Nicht nur für ältere Menschen könnte diese Schiebetür gefährlich werden, sagt die 71-Jährige, auch für Kleinkinder.

Stolperfallen in Cottbus
Wie häufig Senioren in der Lausitz an Dreh- oder Schiebetüren, auf Gehwegen oder Treppen verunglücken, wird nirgendwo erfasst. Jörg Trinogga, Sprecher der AOK Brandenburg, muss passen. Auch die Unfallkassen, sagt er, würden keine Statistiken führen. Die Berufsgenossenschaften sind ebenfalls keine Hilfe, weil Rentner nicht mehr berufstätig sind.
Auch Werner Reichel, Leiter der Arbeitsgruppe für Ordnung, Sicherheit, Soziales, Wohnen und Verkehr im Cottbuser Seniorenbeirat, kann die Frage nach der Unfall-Häufigkeit nicht beantworten. Der 72-Jährige macht jedoch klar: „Wir Senioren leben von allen Fußgängern am gefährlichsten“ . Dabei bekomme er durchaus auch Klagen über gläserne Automatik-Schiebetüren zu hören: „Alte Menschen erkennen die Türen oft zu spät oder werden von ihnen geblendet.“ Vor allem, wenn sie farblich nicht gekennzeichnet sind.
Hauptgefahrenherd für ältere Spaziergänger sind in Cottbus jedoch die Bürgersteige. Rentner Reichel ist in der Stadt viel zu Fuß unterwegs. So weiß er, dass die Gehweg-Situation in den bevölkerungsreichen Stadtteilen Schmellwitz und Sandow „besorgniserregend“ ist. Herausragende Kanten schief liegender oder gebrochener Platten werden dort für Senioren oft zu Stolperfallen. In der Altstadt sehe es besser aus. Doch Stadtpromenade und Lindenpforte seien auch dort gefährliche Pflaster.
„Alte Menschen“ , erklärt Reichel, „haben verkürzte Sehnen. Sie sind zu Trippelschritten gezwungen und können Hindernissen schlecht ausweichen.“ Deshalb würden ihnen auch die Pfützen zu schaffen machen, die nach Regengüssen regelmäßig die Promenade am Puschkinpark überziehen. „Hin- und herhüpfen“ müssten Senioren auch in der Ebertstraße, weil dort der Gehweg ständig zugeparkt ist. Hundekot und nicht gestreute Wege im Winter seien weitere Gefahrenquellen. Werner Reichels Frau ist dieses Jahr auf einem nicht abgestumpften Gehweg in der Innenstadt ausgeglitten und hat sich ein Bein gebrochen.
Werner Reichel nimmt seine Wächter-Funktion ernst: In Cottbus mit seinen nur noch knapp mehr als 100 000 Einwohnern leben 26 000 Senioren. Dabei verschweigt Reichel nicht das Lobenswerte: die Ampeln mit dem Krückstock-Symbol, die für Senioren längere Grünphasen schalten, das dichte Haltestellen-Netz der Straßenbahn in der Innenstadt und die mittlerweile gut gepflegten Wege auf dem Nordfriedhof. „Zum Teil hat sich die Situation gebessert, weil wir Hinweise gaben“ , betont Reichel.
Ebenfalls nicht zufrieden sein können Senioren mit dem Zustand der Gehwege in Hoyerswerda. „Das schreit zum Himmel“ , sagt Evelyn Lewandowsky, Vorsitzende des Seniorenbeirats. „Die Platten werden alle marode und bekommen Löcher“ , erzählt sie. Allein am Lipezker Platz in der Neustadt seien vergangenes Jahr vier Senioren gestürzt. Sie mussten im Krankenhaus behandelt werden. Die 73-Jährige wohnt selbst in der Neustadt, im Wohnkomplex 5. Dort seien die Bürgersteige „in einem katastrophalen Zustand“ . Das merkt Evelyn Lewandowsky, wenn sie mit ihrem Rollator unterwegs ist, den ihre Kinder liebevoll „Porsche“ nennen. Dessen Räder würden an den brüchigen Gehwegplatten immer wieder hängenbleiben. „Da braucht man dann alle Kraft, um weiter zu kommen.“

Flickschusterei in Hoyerswerda
In der Altstadt von Hoyerswerda sei die Situation nicht besser. Die Stein- und die Dresdner Straße seien besonders gefährlich. Junge Radfahrer auf Fußwegen würden Senioren zusätzlich verunsichern.
Im Oktober vorigen Jahres eröffnete in der Stadt ein Seniorenbüro. Dort gingen regelmäßig „energische Schreiben“ ein, in denen auf die gefährliche Stellen hingewiesen wird. „Wir geben das an den Bauhof weiter“ , so Evelyn Lewandowsky. Der reagiere meist auch, stopfe Löcher mit Teer oder setze mal eine neue Platte ein. „Das ist aber nur Flickschusterei.“
Wie Werner Reichel weist auch Evelyn Lewandowsky auf den zunehmenden Seniorenanteil in der Stadt hin. In Hoyerswerda ist er noch höher als in Cottbus. In der Zusestadt ist jeder Dritte 60 Jahre oder älter.
Immerhin: Mit Schiebetüren haben Senioren in Hoyerswerda offenbar keine Probleme. Zumindest hat Evelyn Lewandowsky davon noch nicht gehört. Sparkasse und Lausitz-Center, sagte sie, würden zwar große Glasdrehtüren haben. „Aber die drehen sich schön langsam.“