Spät am Abend, als wir am Khuk Khak-Beach beisammensitzen, löst sich die Zunge eines Überlebenden. Er erzählt, was sich an dieser Stelle am 26. Dezember 2004 abspielte: Die über fünf Meter hohe Wasserwand ist schon von Weitem zu sehen. In rasender Geschwindigkeit rollt sie heran. Touristen stehen wie angewurzelt am Strand, holen ihre Handkameras heraus, halten das Ganze zunächst für ein harmloses Naturschauspiel. Manche laufen sogar der Welle entgegen. Und dann schreien und rennen sie alle um ihr Leben.

Nur wenige Minuten, nachdem das heftigste Erdbeben seit vier Jahrzehnten an diesem Morgen mit gewaltigen Flutwellen alles niederwalzt, verschwindet das beliebte Hotel "Sofitel Magic Lagoon" wie vom Erdboden verschluckt. Es gleicht einem Trümmerfeld. Tage später riecht es überall nach Verwesung.

Über 200 Leichen sollen hier zwischen Trümmern und Schiffswracks gefunden worden sein. Zwischen den Helfern umherirrende Menschen, die nach ihren Angehörigen suchen. Manche halten selbst gemachte Plakate hoch: "Haben Sie nicht mein Baby gesehen?"

Der Tsunami hat alles verändert

Unvorstellbare Szenen für jene, die heute hier den malerischen Sonnenuntergang betrachten. An gleicher Stelle ist das Marriot Hotel Khao Lak Resort & Spa errichtet worden mit wunderschönen Sichtachsen und thailändischem Flair. Nichts ist mehr so wie vor dem Tsunami im Feriengebiet Khao Lak, das, obwohl weitaus weniger von den Todeswellen im Indischen Ozean betroffen als beispielsweise Indonesien, in die Schlagzeilen geriet, weil hier besonders viele deutsche Touristen ums Leben kamen.

"Die touristische Normalität ist längst eingekehrt. Und doch: Der Tsunami hat alles verändert", sagt Reiseführer Chinnarong Novakul. In den Reisekatalogen ist Khao Lak längst zurück.Und viele Urlauber kommen auch wieder oder erstmals hierher, um der Region, die vom Tourismus lebt, ein Überleben zu ermöglichen. Deutschlands führender Reiseveranstalter hat hier sogar im November sein Programm für den Sommer 2012 vorgestellt. Und das setzt ganz bewusst auf Thailand als das wichtigste Tui-Ziel in Asien. "Sowohl nach dem Tsunami wie nach den Unruhen 2010 sowie nach der noch nachwirkenden Hochwasserkatastrophe hat sich das Land erstaunlich schnell erholt", stellte Dr. Volker Böttcher, Chef von Tui Deutschland, fest: "Insbesondere Khao Lak, die Region, die vom Tsunami in Thailand am stärksten betroffen war, entwickelt sich besser denn je." Es hat sich vor allem bei deutschen Urlaubern als beliebtes Ferienziel etabliert, das jetzt sogar noch preiswerter wird.

Die hierher kommen, sehen vor allem die Schönheit des Landes: "Statistisch gesehen gibt es so einen Tsunami doch höchstens alle hundert Jahre an gleicher Stelle", rechnet Jochen Bohnert vom Bodensee seiner Freundin im Khao Lak Resort & Spa vor.

"Das ist unsere schnelllebige Zeit, keiner beschäftigt sich gern mit den Risiken, wenn er für ein paar Tage weit wegfährt", sagt Harald Spahn von der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ), die nach dem verheerenden Tsunami den Auftrag für ein Frühwarnsystem bekommen hatte. 2004 nutzte kein einziges Land am Indischen Ozean ein solches System, heute hat es jedes. Gerade ist der Geologe von Indonesien herübergekommen, wo es alle zwei Jahre einen Tsunami gibt, wenn auch nicht immer von solch verheerender Stärke. In anderen Ländern dagegen wurde tatsächlich seit 100 Jahren kein Seebeben mehr aufgezeichnet. "Statistik ist eine mathematische Größe, aber die Natur spielt nicht nach diesen Regeln", warnt er dennoch.

"Man darf ja nicht immer nur Angst haben. Ein Unglück kann ja überall passieren", wollen sich die Touristen Simone Fiedler und Steffen Walther aus Leipzig den Spaß nicht verderben lassen. Dennoch haben sie sich im Museum informiert, werden sie die krassen Bilder aus den Amateurvideos nicht los, schauen jetzt ganz anders auf die Farbe des Ozeans.

"Die Moken haben es an Anzeichen der Natur gesehen, dass etwas unvorstellbar Schlimmes auf uns zurollt. Aber es hat keiner so recht auf sie gehört", stellt Reiseführer Chinnarong Novakul fest. Vor mehr als 5000 Jahren kamen die "Moken" (auch "Moklen" genannt) als Seenomaden hierher. Die ersten Siedler lebten am Strand oder auf dem Meer. Eine Stiftung ermöglichte es nach der Flutkatastrophe, weiter weg vom Strand eine Siedlung für die "Meeresbewohner" aufzubauen. Und hier tummeln sich vor allem viele Kinder, viele davon sind erst nach dem Tsunami geboren worden. Sie freuen sich über die Besucher aus Europa, singen, musizieren und tanzen. "Wir haben hier eine Chance bekommen, unsere Kultur und Sprache neu zu beleben", sagt das Dorfoberhaupt, das selbst Nichten und Neffen an die tödliche Welle verloren hat. Fast ein Drittel der Moken wurden unter der Monsterflut begraben, davon allein 15 Kinder.

Gestrandetes Patrouillenboot

Insgesamt sollen allein in der Küstenregion Khao Lak 4000 Menschen ihr Leben gelassen haben, darunter mehr als 500 Deutsche. Das Spiegelmagazin schrieb damals: "Khao Lak ist so etwas wie der Ground Zero der Bundesrepublik inmitten dieses Katastrophengebietes der ganzen Welt."

Überall Obdachlose, die Trinkwasserreservoirs waren unbrauchbar geworden durch das Gift des Todes, erinnert sich Reiseführer Chinnarong Novakul. Anfangs habe es jedes Jahr einen Gedenktag gegeben, danach nicht mehr.

Ein Museum gibt es und Hinweisschilder, die Fluchtwege in die Berge weisen. Jonathan Chell vom Elefanten-Camp erzählt von klugen Dickhäutern, die die Gefahr gewittert und Touristen auf Anhöhen getragen hätten. Legenden liebt das Land des Lächelns, das sich gern mit Schutzgeistern umgibt. Was die Küstenbewohner nicht gehindert hat, einen nagelneuen Schutzturm zu bauen.

Zwischen dem Neuen überall Erinnerungsspuren. Da steht noch immer das Boot einer Polizeipatrouille, dort, wo es die Welle weit ins Land hineingeschleudert hat.

Gegenüber betreibt Alexander Bolle, ein gebürtiger Westfale, eine Bar und andere touristische Geschäfte. Als Rucksack-Tourist ist er einst in dieses Land gekommen und geblieben. Der Tsunami hat ihn nicht vertrieben. Als Manager eines kleinen Hotels hat er an jenem Weihnachtsmorgen schwer verletzte Gäste aus dem Wasser gezogen, ist gemeinsam mit den anderen um sein Leben gerannt. Und dann ging es gleich los mit aufräumen, Spenden sammeln. Auch um das Tsunami Memorial in Baan Nam Ken kümmert er sich. Auf Mosaiktäfelchen sind dort die Namen von über 150 Opfern verzeichnet. Wir entziffern die Daten von Menschen in den besten Jahren neben sehr jungen, oft versehen mit einem ganz persönlichen letzten Gruß: "Auch mächtige Wasser können die Liebe nicht löschen", steht auf der Tafel für Tim, der nur fünf Jahre alt wurde.

Zum Thema:

HintergrundEin Tsunami (jap. Hafenwelle; aus tsu, Hafen, und nami, Welle) ist eine sich schnell fortpflanzende Meereswoge, die überwiegend durch Erdbeben auf dem Meeresgrund (oft auch als "Seebeben" bezeichnet) ausgelöst wird.Ein Seebeben muss der Erdbebenwarte Hongkong zufolge etwa eine Stärke von 7,7 auf der Richterskala erreichen, um einen Tsunami auszulösen. Etwa 160 000 Menschen kamen nach Schätzungen der Vereinten Nationen bei der Flutkatastrophe am 26. Dezember 2004 in Asien ums Leben. Am 11. März diesen Jahres ist Japan von einem verheerenden Beben der Stärke 9 und dem anschließenden Tsunami getroffen worden. Durch die Naturkatastrophe kamen fast 15 500 Menschen ums Leben und wurden 100 000 Häuser komplett zerstört. In den Berechnungen ist die Atomkatastrophe von Fukushima nicht enthalten.