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| 01:08 Uhr

Tschetscheniens „Schwarze Witwen“ treibt die Rache zum Terror

Nach den vermutlich von Tschetschenen verübten Selbstmordanschlägen in Moskau hat der russische Präsident Wladimir Putin zur „Vernichtung“ der Rebellen in der abtrünnigen Kaukasusrepublik aufgerufen. „Sie müssen aus ihren Kellern und Höhlen, wo sie sich noch immer verstecken, geholt und vernichtet werden“, sagte Putin gestern laut Interfax. Der Moskauer Bürgermeister Juri Luschkow erklärte den heutigen Tag zum offiziellen Trauertag. Von Stefan Voß

Es hatte wie Propaganda des russischen Geheimdienstes geklungen: Tschetscheniens Top-Terrorist Schamil Bassajew wolle Selbstmord-Attentäterinnen zu Bombenanschlägen in russische Städte schicken, hieß es Anfang Mai im Nordkaukasus.
Aus der Warnung wurde jetzt blutige Wirklichkeit. Die neue Form des Terrors, die sich in der abtrünnigen Kaukasus-Republik in den vergangenen Monaten bereits mehrfach zeigte, hat mit dem Bombenanschlag auf das Rockfestival auch die russische Hauptstadt erreicht.
"Ich habe es nicht geschafft. Jetzt komme ich nicht zu Allah", stammelte nach Zeitungsberichten eine der beiden Selbstmord-Attentäterinnen in Moskau Sekunden vor ihrem Tod. Der Sprengstoffgürtel der 20-jährigen Sulichan Elichadschijewa war nur teilweise explodiert, die Frau verblutete. Elf Konzertbesucher wurden von den beiden Attentäterinnen am Samstag mit in den Tod gerissen, zwei weitere Opfer starben Stunden später im Krankenhaus.
Was trieb die beiden Tschetscheninnen dazu, junge Russen im gleichen Alter auf brutale Weise zu töten? Die Attentäterinnen waren nach ersten Erkenntnissen mit Rebellen verheiratet, die im Kampf gegen die russische Armee starben. Zudem seien beide Terroristinnen Mütter kleiner Kinder gewesen.
Seit der Geiselnahme in einem Moskauer Musicaltheater, an der auch mit Sprengstoff behängte tschetschenische Frauen in dunklen Gewändern beteiligt waren, heißen diese Terroristinnen "Schwarze Witwen" in Russland. "Diese Frauen haben nichts mehr zu verlieren, sie wollen selbst für den Preis des eigenen Lebens Rache nehmen", sagte Generaloberst Waleri Wertschagin, der stellvertretende Leiter des Anti-Terror-Zentrums in der GUS, der Zeitung "Nesawissimaja Gaseta".
Islamischer oder politischer Extremismus sind unter den etwa 20 Millionen Muslimen in Russland eine Randerscheinung. Selbst in Tschetschenien bekennt sich nur eine kleine Minderheit zum gewaltsamen Widerstand und zum Terror gegen die Staatsmacht Russland. Die meisten Tschetschenen wünschen eine Aussöhnung mit der russischen Bevölkerung, mit der man über Generationen zusammenlebte. Der Hass schlägt in Tschetschenien vor allem den Streitkräften entgegen.
Die Selbstmord-Attentäterinnen sollen nach Erkenntnissen des Inlandsgeheimdienstes FSB im Ausland auf ihre Bluttaten vorbereitet werden. Als Drahtzieher der jüngsten tschetschenischen Gewaltakte wie der Geiselnahme in dem Moskauer Musicaltheater oder dem Bombenanschlag auf das Regierungsgebäude in Grosny gilt Schamil Bassajew.
Der 1965 geborene Tschetschene hatte sich in den Wirren des ersten Krieges mit den Russen von 1994 bis 1996 an die Spitze des bewaffneten Widerstandes gedrängt. Seitdem führt er seinen eigenen brutalen Krieg gegen Russland. Bas-
sajew werden enge Kontakte zu internationalen Terrororganisationen nachgesagt. Seine militärische Ausbildung soll er bei den Mudschaheddin in afghanischen Feldlagern erhalten haben.
Sollte Bassajew seine Terroristinnen tatsächlich aus der Menge der Rebellenwitwen rekrutieren, dürften in seinen Reihen kaum Lücken entstehen. Allein in den vergangenen eineinhalb Jahren wurden nach Angaben der russischen Generalstaatsanwaltschaft mehr als 1800 tschetschenische Freischärler von den Streitkräften getötet.