Katastrophenstimmung bricht trotz des beispiellosen Vorgangs in Brüssel nicht aus. "Wir nehmen doch stark an, dass die tschechische Regierung bis etwa Ende Juni noch interimistisch im Amt bleiben wird", sagte ein EU-Diplomat am Dienstagabend. Viel Zeit für NeuwahlenDafür spricht manches - nicht nur die Tatsache, dass der tschechische Präsident Vaclav Klaus sich bei Neuwahlen viel Zeit lassen kann. Eine EU-Ratspräsidentschaft erfordert vor allem auf der Führungsebene Kontinuität und Kenntnis des Funktionierens der EU. Ein Austausch des leitenden Polit-Personals vor dem Ende der tschechischen Präsidentschaft könnte - so die fast einhellige Meinung - Prag in der EU nichts bringen, wohl aber auf großer internationaler Bühne für Durch ein ander sorgen. Allerdings war 1996, als Romano Prodi während Italiens Präsidentschaft Lamberto Dini ablöste, sogar dieser Wechsel ohne erkennbare Erschütterungen in der EU verlaufen. Wesentlich besorgter wird in Brüssel auf die Ratifizierung des Lissabon-Vertrags geschaut, mit dem sich die EU nach dem Scheitern des Verfassungsvertrags erneut eine neue Rechtsgrundlage zu geben versucht. Tschechien ist das Hauptsorgenkind der Vertrags-Befürworter, nachdem alle Umfragen darauf hindeuten, dass die Iren vermutlich im Oktober dem Vertrag zustimmen werden. In Prag hingegen hat der Lissabon-Vertrag den Senat noch nicht passiert, in dem auch die Vertreter von Topolaneks Bürgerpartei als zumeist skeptisch gelten. Ohne einen starken Ministerpräsidenten könnte, so meinen Beobachter in Tschechien, die Ratifizierung des Vertrags scheitern. Dies wäre dann eine sehr ernste Krise für die EU - vermutlich ernster als alles bisher Gekannte. Zugeständnisse an IrlandNach dem Scheitern des Verfassungsvertrags in Frankreich und den Niederlanden Mitte 2005 hatte man den Lissabon-Vertrag mühsam ausgehandelt. Nach dessen Scheitern beim Referendum in Irland im Juni 2008 hatte man mit wesentlichen Zugeständnissen den Weg für das zweite Referendum bereitet. Sollte nun in Tschechien der Vertrag abgelehnt werden, so erscheint eine erneute Änderung des Texts fast unmöglich. Und das Scheitern des Lissabon-Vertrags hätte weitreichende Folgen für die EU. Dies betrifft nicht nur die Probleme, die für das Funktionieren der Institutionen aufgeworfen würden. Unter anderem würde das Scheitern auch das Ende der EU-Erweiterung bedeuten. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hat ebenso wie Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy mehrfach erklärt, die Ratifizierung des "Lissabon-Vertrags" sei Voraussetzung für die Aufnahme neuer Mitglieder.