Um 18.25 Uhr an diesem historischen Sonntag blieb den 300 Sympathisanten der SPD im Berliner Willy-Brandt-Haus der Mund offen stehen. Ungläubig schauten sie sich mit großen Augen an und fragten, ob sie richtig gehört haben. Gerade hatte der SPD-Vorsitzende Franz Müntefering in grimmiger Entschlossenheit die Konsequenzen aus der dramatischen Wahlniederlage von Rot-Grün in Nordrhein-Westfalen (NRW) gezogen und Neuwahlen "in diesem September" angekündigt. Die Leute waren perplex - und klatschten irritiert.

Essen passend zur Stimmung
Mit dieser sensationellen Wendung hatte niemand gerechnet. Gewiss wussten alle, dass es schlecht ausgehen würde im Ruhrpott, dem alten "Herzland" der SPD, wo sie fast 40 Jahre lang an der Macht waren. Doch dieser Paukenschlag verblüffte dann doch. Die Unsicherheit war mit Händen zu greifen, denn dieser spektakuläre Schritt, den Müntefering und Bundeskanzler Gerhard Schröder klammheimlich ausgekungelt hatten, lässt natürlich viele Fragen offen: Wie soll das klappen, in einem knappen halben Jahr die miese Stimmung zu drehen„ Und was würde es für die praktische Politik nützten, wenn das Wunder tatsächlich geschehen würde, wo doch Union und FDP im Bundesrat nunmehr über fast eine Zweidrittel-Mehrheit verfügen“
Dass sich etwas Ungewöhnliches anbahnen würde, war schon zu Beginn der tristen Wahlparty in der Parteizentrale klar geworden. Fragen nach dem Aufenthaltsort des SPD-Vorsitzenden wurden ausweichend beantwortet. Die Genossen wirkten unruhig und unsicher und sie labten sich nur zögernd an den Speisen - die bezeichnend zusammengestellt waren: "Blindhuhn nach rheinischer Art", "saure Kartoffeln in Essig und Speck" und "Sauermilch-Gelee". Das Essen traf die Stimmung jedenfalls perfekt und weit häufiger als zu sonstigen Wahlabenden sah man Genossen mit Bierflaschen in der Hand. Offenbar wollte man den Frust hinunter spülen.
Gerade strahlten die Fernsehsender den ungewöhnlich frühen Jubel-Auftritt der CDU-Vorsitzenden Angela Merkel aus, als Müntefering auftauchte. Ohne große Umschweife kam der Parteichef zur Sache, sprach die üblichen Formalien und kündigte an, den Gremien der Partei vorschlagen zu wollen, "dass wir im Herbst Bundestagswahlen in Deutschland anstreben". Als hätte der Wahlkampf schon begonnen, legte Münte sofort nach: Rot-Grün sei mutig den schwierigen Reformweg gegangen, während sich die Union "feige in die Furche gedrückt" habe. Angesichts der politischen Lage sei es jetzt an der "Zeit, dass in Deutschland die Verhältnisse geklärt werden". Durch Neuwahlen im September. Schröder und er wollten "die Entscheidung suchen", und er sei zuversichtlich, "dass wir es packen können". Frenet ischer Applaus.

Verwirrung bei den Grünen
Während bei den Grünen die gleiche Verwirrung herrschte - dem Vernehmen nach war nur Außenminister Joschka Fischer in den Coup eingeweiht - und die Parteivorsitzende Claudia Roth Durchhalteparolen verkündete ("Wir haben keine Angst vor dem Wählervotum"), formulierte Kanzler Schröder in seinem Amtssitz eine Presseerklärung, die er um 20 Uhr mit ernster Miene verlas. Es brauche eben seine Zeit, bis die Reformen wirkten, sagte Schröder, aber nach dieser Niederlage sehe er die "politischen Grundlagen für die Fortsetzung unserer Arbeit infrage gestellt". Die Unterstützung der Mehrheit der Deutschen halte er aber für unabdingbar und er hoffe, dass Bundespräsident Horst Köhler "die Möglichkeiten des Grundgesetzes" eröffnen werde. Im Klartext: Schröder will offenbar die Vertrauensfrage stellen und trotzig ins womöglich letzte rot-grüne Gefecht gehen. Optimistisch sah der Kanzler nicht aus. Und er ging, ohne eine einzige Frage zuzulassen.