Sie haben jahrelang die Schulbank gedrückt und gingen am Ende doch leer aus: Im vergangenen Schuljahr sind rund 1500 brandenburgische Schüler ohne Hauptschulabschluss oder Berufsbildungsreife von den Schulen abgegangen. Das waren etwa acht Prozent oder jeder zwölfte Schüler, wie aus einer Antwort von Bildungsminister Günter Baaske (SPD) auf eine parlamentarische Anfrage der CDU-Fraktion hervorgeht. Deren Sprecherin für Jugendpolitik, Kristy Augustin, bezeichnete es als "doppeltes Armutszeugnis", dass sowohl zu viele Förderschüler als auch Oberschüler unter diesen Abgängern seien.

Nach Angaben des Bildungsministeriums kamen die meisten dieser Abgänger aus Förderschulen. Sie haben zwar Abschlusszeugnisse von Schulen mit den sonderpädagogischen Schwerpunkten "Lernen" und "Geistige Entwicklung" bekommen. Allerdings sind diese Zeugnisse nicht gleichwertig mit der einfachen Berufsbildungsreife, dem niedrigsten Abschluss im Regelschulsystem, der nach neun Jahren vergeben wird. Die Förderschüler gelten daher nach zehn Schuljahren offiziell als Schüler ohne Abschluss.

Erfahrungen aus der Praxis zeigen, dass ein Abschlusszeugnis aus der Förderschule aber nicht unbedingt eine Sackgasse bedeuten muss: "Wir haben sehr gute Erfahrungen mit Betrieben, in denen unsere Schüler jahrelang Praktika machen und hinterher einen Ausbildungsplatz bekommen", berichtet etwa Rita Nethe, Direktorin der Förderschule am Ring in Beelitz (Potsdam-Mittelmark). Es sei aber trotzdem schade, dass die Schüler offiziell als Abgänger ohne Abschluss gelten.

Förderschulen bieten laut Nethe auch Abschlüsse an, die in Brandenburg der einfachen Berufsbildungsreife gleichgestellt sind, allerdings müssten sich die Förderschüler dafür ab der 8. Klasse zusätzlich anstrengen, was vielen schwer falle.


Anreiz durch Lernstarke fehlt
Aus Sicht des Landeselternrats-Sprechers Wolfgang Seelbach fehlen in Förderschulen insbesondere bei den Lernbehinderten die Anreize durch leistungsstärkere Schüler. Er sprach sich für eine engere Kooperation mit Regelschulen oder flexible Modelle mit Förderklassen aus, um die krasse Trennung zwischen Regel- und Förderschulen zu überwinden.


Andere Schulen im Blick
Laut Ministeriumssprecher Florian Engels wird seit Jahren versucht, Schüler mit Förderbedarf von Anfang an auf eine Regelschule zu schicken, damit sie einen anerkannten Abschluss erreichen können. Außerdem versuche man, Schüler mit Aussicht auf Erfolg aus den Förderschulen in Oberschulen zu schicken.

"Aber auch wenn man die Förderschüler ohne Abschluss herausrechnet, sind die Zahlen beunruhigend", sagte Kristy Augustin. An Brandenburgs Oberschulen gebe es nach wie vor zu viele Abbrecher. "Das ist schlimm genug für den Einzelnen. In Zeiten von Fachkräftemangel können wir uns das auch als Land einfach nicht mehr leisten", betonte sie. Die Zahlen seien auch Ergebnis der ungezügelten Experimentierwut der SPD im brandenburgischen Bildungssystem.

Das brandenburgische Bildungsministerium bemüht sich seit Jahren mit Förderprogrammen, die Abbrecherquote zu senken. Das ist nach Auskunft von Sprecher Engels an Oberschulen auch gelungen. So sei die dortige Quote von 2007/08 bis 2013/14 von 3,1 auf 2,2 Prozent gesunken. Für diese Schulform gab es bis 2013 das Förderprogramm "Initiative Oberschule". Ab August soll laut Ministerium ein Nachfolgeprogramm starten, um diesen Erfolg "abzusichern und zukunftsfest zu gestalten". Das Programm soll sich auch an Gesamt- und Förderschüler richten.

Aus Sicht von Seelbach muss die individuelle Förderung schon in der Kita ansetzen und über die Grundschule bis in die weiterführende Schule wirken. "Hier gibt es noch Qualifikationsbedarf bei den Lehrkräften", sagte Seelbach. Wichtig für eine individuelle Förderung seien außerdem niedrige Klassenfrequenzen, Teamarbeit in den Schulen und personelle Unterstützung im Unterricht zum Beispiel durch Schulhelfer, Eltern und Schulsozialarbeiter.


Ostländer traurige Spitze


Brandenburg gehört mit der Quote von Schülern ohne Abschluss neben den anderen ostdeutschen Bundesländern und Berlin bundesweit zu den Spitzenreitern. Das zeigen Daten aus dem Schuljahr 2012/13, die auch in der Antwort auf die parlamentarische Anfrage veröffentlicht wurden.Dresden. Der Anteil der Schulabgänger ohne Abschluss ist in Sachsen im vergangenen Jahr auf 8,6 Prozent gesunken - bezogen auf alle Absolventen des Jahres. Das teilte Susann Meerheim, stellvertretende Pressesprecherin des Staatsministeriums für Kultus mit. Noch im Jahr zuvor lag der Anteil bei rund 10,1 Prozent. Damit sinkt die Quote der Schulabbrecher auf das Niveau von 2008.