Nach ihrem Überraschungserfolg in Niedersachsen will die FDP mit einer raschen Klärung ihrer Führungsfrage wieder in die Offensive kommen. Der angeschlagene Parteivorsitzende Philipp Rösler bot den Spitzengremien nach dpa-Informationen seinen Rücktritt an. Er schlug vor, Fraktionschef Rainer Brüderle könne den Vorsitz übernehmen. Zunächst war offen, ob der 67-Jährige tatsächlich die Partei führen will oder Rösler bei einem Verzicht Brüderles erneut antritt. In Niedersachsen wollten SPD und Grüne den Fahrplan für Koalitionsverhandlungen festlegen.

SPD und Grüne sehen nach ihrem Sieg in Niedersachsen realistische Chancen für einen Regierungswechsel auf Bundesebene. Die SPD will Schwarz-Gelb mit einem harten sachpolitischen Kurs im Bundesrat und sozialen Themen zu Fall bringen. Die CDU bemühte sich um Schadensbegrenzung und wollte nicht von einem Signal aus Hannover für den Bund sprechen. Führende Politiker von CDU und CSU lehnten eine Leihstimmenkampagne für die FDP vor den Wahlen in Bayern, Hessen und im Bund im Herbst ab. In Niedersachsen hat die FDP massiv von Leihstimmen der CDU-Anhänger profitiert.

Rösler sagte nach dpa-Informationen im FDP-Präsidium: „Ich bin bereit, zur Seite zu treten, wenn Rainer Brüderle auch Bundesvorsitzender werden will.“ Brüderle könne auch die Spitzenkandidatur im Wahlkampf übernehmen. Zuvor hatte die FDP-Spitze einstimmig beschlossen, den für Mai angesetzten Parteitag vorzuziehen. Im Gespräch ist ein Termin im März. Auf dem Parteitag wird auch der Bundesvorstand neu gewählt. Die FDP hat in Niedersachsen überraschend 9,9 Prozent geholt.

SPD-Chef Sigmar Gabriel sagte, es gebe nach Niedersachsen auch im Bund eine „Riesenchance“, mit den Grünen einen Richtungswechsel einzuleiten. „Die Bundestagswahl ist offen, wir werden kämpfen“, kündigte er an. Der künftige niedersächsische Ministerpräsident Stephan Weil sagte: „Lasst uns gemeinsam 2013 auch für die Bundespolitik zum Jahr des Wechsels machen. Es ist möglich.“

Gabriel betonte, Rot-Grün habe im Bundesrat jetzt zwar eine Gestaltungsmehrheit. Aber die SPD gehe mit Mehrheiten verantwortungsbewusst um. „Daran wird sich auch ab heute nichts ändern.“ Vor dem Hintergrund der Diskussion über Kanzlerkandidat Peer Steinbrück sagte er: „Man darf sich nicht verrückt machen lassen von aufgebauschten Debatten.“ Mit dem Regierungswechsel in Niedersachsen hat das Oppositionslager in der Länderkammer nun eine absolute Mehrheit und damit mehr Druck auf die Regierung ausüben.

SPD-Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier sagte im ZDF, im Bundesrat könne die SPD nun Initiativen ergreifen. Dazu gehörten eine Überprüfung des Betreuungsgeldes und des flächendeckenden Mindestlohns. Es komme darauf an, sich noch stärker auf Themen zu konzentrieren, die den Menschen auf den Nägeln brennen. „Dazu gehört der Kampf gegen Steuerhinterziehung“, sagte Steinmeier. Auch Fairness auf den Finanzmärkten und der Mindestlohn seien solche Themen.

CSU-Chef Horst Seehofer sagte vor Gremiensitzungen seiner Partei: „Es kann die Lehre nur sein, dass die Union mit aller Kraft für jede eigene Stimme kämpft.“ Mit Blick auf die FDP sagte Seehofer: „Nur zu schauen, dass man von der Union etwas abknapst, das reicht nicht.“ CSU-Generalsekretär Alexander Dobrindt schloss Schützenhilfe für die FDP aus. Es werde mit Sicherheit keine Kampagne für Stimmensplitting oder Leihstimmen geben.

CDU-Generalsekretär Hermann Gröhe sagte im Deutschlandfunk, die Landtagswahl habe „eine Weichenstellung für Niedersachsen bedeutet und war keine vorgezogene Bundestagswahl“. Führende CDU-Politiker verlangten eine stärkere Konzentration auf das eigene Abschneiden.

Nach dem vorläufigen amtlichen Endergebnis verlor die CDU 6,5 Punkte, blieb aber mit 36,0 Prozent stärkste Kraft, gefolgt von der SPD, die auf 32,6 Prozent (plus 2,3) kam. Die Grünen erzielten 13,7 Prozent (plus 5,7), die FDP erreichte 9,9 (plus 1,7) und die Linke 3,1 Prozent (minus 4,0). Mit Überhang- und Ausgleichsmandaten ergibt sich folgende Sitzverteilung: CDU: 54; SPD: 49; Grüne: 20; FDP: 14. Damit hat Rot-Grün eine Ein-Stimmen-Mehrheit im neuen Landtag. Die Wahlbeteiligung stieg leicht auf 59,4 Prozent.

FDP und Grüne erzielten jeweils ihre besten Ergebnisse bei einer Landtagswahl in Niedersachsen. Die CDU fuhr eines ihrer schlechtesten Ergebnisse ein. Die SPD legte leicht zu. Die Linke flog aus dem Landtag, auch die Piraten scheiterten klar an der Fünf-Prozent-Hürde.