Es gibt Medikamente gegen Aids. Aber nur jeder fünfte Bedürftige in den armen Ländern erhält sie auch - derzeit rund 1,5 Millionen Menschen. Viele Infizierte in Afrika und Asien haben kein Geld für die Pillen. Die Medikamente werden nötig, wenn ein HIV-Infizierter weniger als etwa 200 der CD4-Immunzellen pro Mikroliter Blut besitzt - dann brechen die Symptome von Aids aus. Die Pillen halten den Erreger HIV in Schach und sorgen - zumindest in den reichen Ländern - dafür, dass die Infektion bei vielen Patienten den Status einer chronischen Krankheit bekommt, statt zum Todesurteil zu werden. Zurzeit sterben aber immer noch jeden Tag etwa 8000 Menschen an der Immunschwäche, fast alle in den armen Ländern, 2005 insgesamt rund 2,8 Millionen.
Viele Hilfsorganisationen werden dieses Thema lautstark in den Mittelpunkt der Welt aids konferenz rücken. Die Zeit langer Reden sei vorbei, nun komme es darauf an, die Medikamente in großem Umfang zu den Menschen zu bringen.
Im Prinzip ließen sich billige Nachbildungen (Generika) der von US- und europäischen Pharmaherstellern entwickelten Pillen leicht und schnell herstellen. In einigen Fällen geschieht das auch, teilweise sanken die Preise von etwa 10 000 auf rund 200 Dollar (160 Euro). Einem universellen Einsatz der Generika stehen jedoch internationale Patent-Abkommen entgegen. Zahlreiche Länder unter Führung von Indien und Brasilien wollen eine Aufweichung des Patentschutzes für lebenswichtige Medikamente gegen Aids, aber auch Malaria und Tuberkulose erreichen.
Der Schutz geht auf das Trips- Abkommen (Trade-Related Aspects of Intellectual Property Rights; handelsbezogene Aspekte der Rechte an geistigem Eigentum) von 1994 zurück. Es schreibt einen Patentschutz von 20 Jahren vor. Der schützt neue Pillen ebenso wie Software oder Melkmaschinen. "Wobei wir aber einen Unterschied zwischen lebensnotwendigen Medikamenten und einer neuen Technologie für höhere Geschwindigkeit oder weniger Schadstoffausstoß machen sollten", sagt Rainer Seybold, Geschäftsführer des Aktionsbündnisses gegen Aids in Tübingen. Es vertritt 70 deutsche Organisationen der Aids- und Entwicklungszusammenarbeit und verlangt, in ärmeren Ländern generell auf die Durchsetzung von Patenten zu verzichten.
Auch Hilfsorganisationen wie Ärzte ohne Grenzen oder Oxfam verweisen auf das menschliche Leid. Die öffentliche Gesundheit müsse über kommerziellen Interessen stehen. "Wir sagen ja nicht, dass wir in den USA oder Westeuropa Preissenkungen brauchen. Aber die Entwicklungsländer brauchen sie", sagt Seybold.
Insbesondere die USA wehren sich gegen eine Aufweichung des Trips-Abkommens, sie befürchten Produktpiraterie und Reimporte. Nur ein wirksamer Patentschutz biete die Chance, das investierte Geld wieder zu erwirtschaften, heißt es auch beim deutschen Verband Forschender Arzneimittelhersteller (VFA) in Berlin. Ein neues Medikament zu entwickeln, koste 800 Millionen Dollar und dauere zehn bis zwölf Jahre, erklärt der VFA.
Tobias Luppe, HIV-Experte von Ärzte ohne Grenzen, weist darauf hin, dass vor allem die Medikamente aus der Zeit vor 1995 als Generika zur Verfügung stehen. Neue Wirkstoffe der zweiten oder dritten Therapielinie, wie sie für die Behandlung resistenter HIV-Stämme nötig werden, drohten für die Menschen in armen Länder durch die Trips-Regelungen unerschwinglich zu werden.