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Trotz Job-Booms – warum viele noch keine Lehrstelle haben

Bei der Tischlerausbildung ist Köpfchen gefragt.
Bei der Tischlerausbildung ist Köpfchen gefragt. FOTO: dpa
Cottbus/Nürnberg. Der Schlussspurt auf dem Ausbildungsmarkt hat auch in der Lausitz begonnen. Junge Leute sind bei der Auswahl zunehmend wählerisch. Ch. Taubert und K. Tscharnke

Auf dem Ausbildungsmarkt - auch in der Lausitz - hat nun der Schlussspurt begonnen. In jeder Woche gehen bei der Handwerkskammer Cottbus (HWK) zurzeit noch Dutzende Lehrverträge ein, bestätigt der stellvertretende Hauptgeschäftsführer Christoph Schäfer. Es seien aber längst noch nicht alle jungen Leute am Ziel.

Das liege auch daran, erklärt der Leiter der Akademie des Handwerks, dass die jungen Leute zunehmend wählerischer sind. "Wegen der Ausbildung umzuziehen - diese Bereitschaft ist eher unterentwickelt", stützt Schäfer Aussagen einer Analyse der Bundesagentur für Arbeit (BA). Dabei schien die Lehrstellen-Welt im Jahre 2017 zunächst in Ordnung, schildert die BA die bundesweite Situation. Mit 512 000 Ausbildungsplätzen gab es im Juli exakt genau so viele wie Lehrstellenbewerber - eine Lage, von der man in schlechten Zeiten nur träumen konnte. Dennoch hatten zuletzt noch 150 000 Jugendliche keinen Ausbildungsplatz. Dafür gibt es nach BA-Angaben und Einschätzungen der Lausitzer Kammern auch diese Gründe:

Regionale Unausgewogenheit: Ob jemand in seinem Traumberuf eine Lehrstelle findet oder eher schlechte Karten hat, hängt stark vom Wohnort des Bewerbers ab. Vor allem Berliner Schulabsolventen müssen laut BA-Statistik schon sehr gute Noten haben oder zu großen Kompromissen bereit sein, wenn sie eine Lehrstelle finden wollen. Dort kamen Ende Juli auf 100 angebotene Lehrstellen 133 Bewerber. Ähnlich schwierig ist die Lage in Nordrhein-Westfalen, wo auf 100 Lehrstellen 127 junge Leute kommen. In Hessen liegt das Lehrstellen-Bewerber-Verhältnis bei 100:116.

Mangelnde Mobilität: Wer dort dennoch an seinem Traumberuf festhält, dem bleibt laut Experten nur der Umzug - etwa ins boomende Bayern. Dort hatten Firmen Ende Juli den Arbeitsagenturen fast 100 000 Lehrstellen gemeldet. Zugleich suchten nur gut 77 000 junge Männer und Frauen dort einen Ausbildungsplatz. Auch Thüringen, Mecklenburg-Vorpommern und das Saarland zählen zu den Bundesländern, in denen Bewerber auf ein Überangebot an Lehrstellen treffen. Doch die Bereitschaft, wegen einer Lehrstelle umzuziehen, ist gering. Nach einer Befragung der HWK Cottbus unter 539 Azubis sei eine Lehrstelle im Umkreis von acht Kilometern zum Wohnort akzeptabel. "Das hängt auch mit dem unzureichenden Angebot im Nahverkehr zusammen", erklärt Schäfer. Und der Sprecher der IHK Dresden, Lars Fiehler, fügt hinzu, dass viele Jugendliche feststellen, "dass die Ausbildungsvergütung alleine kaum für Lebensunterhalt, Unterbringung, Fahrtkosten und Lernmittel ausreicht".

Festhalten am Traumberuf: In Deutschland gibt es 330 Ausbildungsberufe. Trotzdem kommen anscheinend für viele Jugendliche nur ein Dutzend Berufe infrage, wie die BA-Analyse zeigt. Dass es dort nur wenige Lehrstellen gibt, scheint sie wenig zu beeindrucken, wie beim beliebten Beruf Tierpfleger deutlich wird: Für die nur 295 gemeldeten Lehrstellen hatten sich Ende Juli 2650 junge Leute interessiert. "Alternativen zum Traumberuf sind vielen Jugendlichen und ihren Eltern kaum bekannt", sagt der Cottbuser IHK-Pressesprecher Nils Ohl. Hier lohne es sich, Zeit in die Information über aktuelle Berufsbilder zu investieren. Weitere begehrte Berufe mit knappem Lehrstellenangebot sind: Einkaufs- und Vertriebsmitarbeiter, Veranstaltungs- und Mediengestalter, Raumausstatter und Buchhändler.

Eine unzureichende Qualifikation: "Wenn ein Bewerber mit Hauptschulabschluss und schlechter Mathematiknote als Berufswunsch Informatiker angibt", dann müsse der Berufsberater schon mal Zweifel anmelden, heißt es bei der BA. Der Cottbuser HWK-Ausbildungsexperte Christoph Schäfer sagt deutlich, dass etwa ein angehender Elektriker schon in Mathe und Physik fit sein sollte. Ansonsten gebe es an der Berufsschule Probleme. Das treffe übrigens auch auf Flüchtlinge zu, die keine fundierte Schulausbildung haben.

Last-Minute-Entscheidungen: Das gute Ausbildungsangebot in vielen Regionen begünstigt auch bei der Berufswahl den Trend zum Abwarten. "Bevor sie aufs falsche Pferd setzen, warten junge Leute ab", verdeutlicht Lars Fiehler. Das sei einerseits riskant, anderseits gebe es auch für Spätentschlossene derzeit genug unbesetzte Lehrstellen. Allein in der Gastronomie waren Ende Juli bundesweit noch rund 14 000 Ausbildungsplätze frei, 21 000 im Handel und 3300 in der Kunststoffverarbeitung.