In der Nacht zum 4. April steht ein Haus im kleinen Tröglitz im Süden Sachsen-Anhalts in Flammen. 40 Flüchtlinge sollten darin einziehen. Wochenlang gibt es in dem Ort von NPD-Mitgliedern organisierte Proteste gegen die Unterkunft - zum Schutz seiner Familie tritt der ehrenamtliche Bürgermeister Markus Nierth nach Anfeindungen zurück.

Was wurde aus den Ermittlungen?
Bisher gibt es keine heiße Spur. Die Polizei gründet nach dem Anschlag die Soko "Kanister". Bis zu 22 Beamte ermitteln in Hochzeiten. Sie seien zuversichtlich, die Brandstifter zu finden, heißt es zunächst aus dem Landeskriminalamt. Im Oktober wird zwar ein Mann verhaftet, kommt mangels ausreichendem Verdacht aber bald wieder frei. Bis heute meldet der Sprecher der Staatsanwaltschaft Halle: Es gibt keinen konkreten Verdacht.

Das Motiv?
Die Ermittler vermuten bis heute Fremdenfeindlichkeit. "Die Ermittlungen sind schwierig", bilanziert ein Sprecher des Landeskriminalamts (LKA). Die Beweisstücke und Zeugenaussagen hätten letztlich nicht den erhofften Erfolg gebracht. Die Soko hat nur noch drei Mitarbeiter und führt letzte Ermittlungen. In wenigen Wochen kommt die Akte zur Staatsanwaltschaft. Dann wird entschieden: Verfahren einstellen oder weiterermitteln.

Leben Flüchtlinge in Tröglitz?
40 Flüchtlinge sollten kommen, bevor die bezugsfertige Asylunterkunft brannte. 23 sind da, die meisten aus Afghanistan, drei sind Inder. Sie wurden im Ort verteilt. Keiner von ihnen sei bisher weiter- oder weggezogen, erzählt Landrat Götz Ulrich (CDU). Alle Familien haben Paten aus dem Ort, die sich kümmern. "Vorbildlich" sei dieses Engagement, sagt Ulrich. Die schweigende Mehrheit beäuge die Neuankömmlinge jedoch immer noch skeptisch.

Wie geht es dem damaligen Bürgermeister des Ortes?
Markus Nierth nennt das Jahr nach seinem Rücktritt und dem Brandanschlag selbst "eines der schwersten Jahre" für seine Familie. Sie mussten mit Ablehnung, Morddrohungen und offenem Hass umgehen, langjährige Freundschaften im Ort zerbrachen. Er als Trauerredner und seine Frau mit ihrer Tanzschule müssen bis heute mit Einbußen leben, weil Kunden wegbleiben. Lange leben sie unter Polizeischutz. Doch die Nierths geben nicht auf, übernehmen Patenschaften für Flüchtlinge, stellen private Wohnungen zur Verfügung. Er würde alles wieder so machen, auch das mit dem Rücktritt, bilanziert der 47-Jährige. Trotz der Verwurzelung nehme sich seine Familie aber auch die Freiheit, über einen Wegzug nachzudenken. Der Familienrat werde demnächst abstimmen.

Was wurde aus der Brandruine?
Sie ist bis heute nicht saniert. Ein behelfsmäßiges Notdach schützt das Mehrfamilienhaus an der Ernst-Thälmann-Straße vor Wetterschäden. Der Eigentümer schätzt den Schaden auf einen mittleren sechsstelligen Betrag. Die Versicherung habe bisher ein Drittel bezahlt, verweise auf die laufenden Ermittlungen, erzählt er einem Team des MDR-Magazins "Exakt". Der Landkreis hält seine Mietabsicht erst aufrecht. Weil die Sanierung nicht vorankommt, nimmt Landrat Ulrich Abstand und sucht einzelne Wohnungen für die Flüchtlinge. "Das ist auch eine Lehre aus dem Geschehen in Tröglitz. Dass es besser ist, die Menschen nicht geballt in einem Objekt unterzubringen."

Wie ist die Stimmung im Ort?
Er ist zerrissen, polarisiert. Ähnlich wie unzählige andere Orte, in denen sich Befürworter der Flüchtlingshilfe und Gegner gegenüberstehen. Der Medienrummel verschreckt viele der 2700 Tröglitzer. Die ablehnende Haltung ist bei vielen nicht verschwunden. Bei der Landtagswahl Mitte März wird die rechtspopulistische AfD in Elsteraue - der Gemeinde, zu der Tröglitz gehört - mit mehr als 30 Prozent stärkste Kraft vor der CDU.