Was tun die deutschen Sicherheitsbehörden nun genau?
Die Bundespolizei hat mehr Einsatzkräfte an die Grenze zu Frankreich geschickt und Streifen an Flughäfen und Bahnhöfen intensiviert. Die Polizisten patrouillieren dort mit Schutzwesten und schweren Waffen. Verbindungen von und nach Frankreich rücken besonders in den Blick. Nach einem Anschlag in einem Nachbarland setzen Polizei und Geheimdienste in Deutschland hinter den Kulissen automatisch eine Maschinerie in Gang: Die Behörden checken, ob es Verbindungen und Kontakte der Täter nach Deutschland gibt. Sie sprechen dazu mit den V-Leuten in der Islamisten-Szene, durchforsten Foren und Netzwerke im Internet. Sie überwachen besonders die islamistischen "Gefährder" - also jene, denen sie einen Terrorakt zutrauen. Weil es die Sorge gibt, dass Rechtsextremisten auf die Anschläge reagieren, stehen diese nun auch unter besonderer Beobachtung.

Gibt es Verbindungen der Paris-Attentäter nach Deutschland?
Belastbare Erkenntnisse dazu gab es zunächst nicht, aber einen Verdacht: In Oberbayern wurde am Donnerstag vor einer Woche auf der Autobahn zwischen Salzburg und München ein Autofahrer angehalten und kontrolliert. Die Polizei entdeckte im Kleinwagen des 51-Jährigen unter anderem mehrere Kalaschnikow-Gewehre, Handgranaten sowie 200 Gramm TNT-Sprengstoff. "Es gibt einen Bezug nach Frankreich, aber es steht nicht fest, ob es einen Bezug zu diesem Anschlag gibt", sagt de Maizière. Auf dem Navigationsgerät des Mannes habe man eine Adresse in Paris gefunden. Ob das einen Zusammenhang zur Anschlagsserie bedeute, sei noch unklar. Der Verdächtige, der aus Montenegro stammt, sitzt in Untersuchungshaft. Ein anderer Hinweis verlief im Sande: Die französischen Behörden übermittelten den Namen eines bereits bekannten Attentäters. Der Abgleich mit deutschen Fahndungsdateien ergab keinen Treffer.

Was bedeuten die Attacken für die Sicherheitslage in Deutschland?
Die Bundesrepublik steht schon lange im Visier von islamistischen Terroristen. Auch in dem mutmaßlichen Bekennerschreiben zu den Attentaten von Paris wird Deutschland in IS-Diktion als Kreuzfahrer-Nation genannt. Die Bedrohung sei unverändert groß, sagt de Maizière. "Die Lage ist ernst." Niemand kann einen Anschlag in Deutschland ausschließen. Nach den Terrorattacken in Kopenhagen und Paris zu Jahresbeginn ging auch bei den deutschen Sicherheitsbehörden eine Flut an Hinweisen auf mögliche Anschlagspläne ein. Das erwartet de Maizière auch jetzt. Allerdings seien erfahrungsgemäß viele Botschaften von "Wichtigtuern und Trittbrettfahrern" darunter. Nachgehen müssen Polizei und Geheimdienste trotzdem jedem Hinweis. Bislang gab es nur einen islamistischen Anschlag auf deutschem Boden: Ein Attentäter erschoss im März 2011 am Frankfurter Flughafen zwei US-Soldaten und verletzte zwei weitere schwer. Andere Attentatsversuche wurden vereitelt.

Wie groß ist Gefahr, dass sich IS-Terroristen unter die Flüchtlinge mischen und so nach Deutschland einreisen?
Bei Polizei und Geheimdiensten gingen bisher etwa 100 Hinweise auf mögliche Terroristen ein, die auf diesem Weg ins Land gekommen sein sollen. In keinem dieser Fälle habe sich der Verdacht bisher bestätigt, heißt es aus Sicherheitskreisen. "Aber man darf den IS nicht unterschätzen", meint Terrorexperte Rolf Tophoven. "Die Gefahr ist nicht auszuschließen. Unsere Sicherheitsbehörden können nicht jeden kontrollieren." Nach Einschätzung von Fachleuten dürften Terroristen eher auf anderem Weg versuchen, nach Deutschland zu kommen - etwa mit gefälschten Papieren im Flieger. Polizei und Geheimdienste beobachten allerdings, dass Islamisten versuchen, junge Flüchtlinge, die in Deutschland sind, zu rekrutieren. Generell gilt aber: Attentäter müssen nicht unbedingt von außen ins Land gebracht werden. Es gibt viele Fanatiker, die sich im Inland radikalisiert haben.

Wie gefährlich ist die deutsche Islamisten-Szene?
Mehr als 43 000 Menschen gehören insgesamt dazu. Die Szene ist in den vergangenen Jahren stetig gewachsen - vor allem durch den starken Zulauf bei den Salafisten, einer besonders konservativen Strömung des Islam. 7900 Salafisten gibt es inzwischen. Polizei und Geheimdienste stufen viele Islamisten als gefährlich ein: Etwa 1000 Menschen werden dem islamistisch-terroristischen Spektrum zugeordnet. Darunter sind 420 "Gefährder". Zum Teil sind auch Rückkehrer aus Dschihad-Gebieten darunter. Diese machen den Behörden große Sorgen, weil viele radikalisiert und kampferprobt zurückkommen. Von den mehr als 750 Islamisten aus Deutschland, die bislang Richtung Syrien und Irak ausgereist sind, ist ein Drittel wieder zurück- also rund 250 Leute. Etwa 70 davon haben Kampferfahrung gesammelt.

Zum Thema:
Nach dem Tod eines Deutschen bei den Terroranschlägen in Paris hat die Bundesanwaltschaft in Karlsruhe Ermittlungen aufgenommen. Es sei üblich, dass die Behörde eingeschaltet werde, wenn bei Anschlägen im Ausland Deutsche ums Leben kommen, sagte eine Sprecherin des Generalbundesanwalts. Details nannte sie nicht. Zuvor hatte das Auswärtige Amt mitgeteilt, dass bei den islamistischen Attentaten von Paris auch ein Deutscher getötet worden sei.