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Traumatisiert und allein gelassen

Kinder und Frauen leiden oft unter Gewalt, Depressionen und körperlichen Beschwerden in den Flüchtlingsunterkünften.
Kinder und Frauen leiden oft unter Gewalt, Depressionen und körperlichen Beschwerden in den Flüchtlingsunterkünften. FOTO: dpa
Berlin. Untersuchungen über Lebensumstände von Flüchtlingen offenbaren gravierende Defizite. Frauen und Kinder leiden nicht nur während ihrer Flucht. Stefan Vetter

Geflüchteten Frauen fehlt es in Deutschland oft an medizinischer Hilfe. Ihre Kinder leiden indes häufig an den Lebensumständen in den Sammelunterkünften. Das geht aus zwei Untersuchungen der Berliner Charité und des Kinderhilfswerks Unicef hervor, die gestern in Berlin veröffentlicht wurden.

Von den rund 1,2 Millionen Flüchtlingen, die in den zurückliegenden zwei Jahren nach Deutschland kamen, war etwa jeder dritte eine Frau. Sie brachten rund 350 000 Kinder und Jugendliche mit. Über ihre Lebensumstände in der neuen Heimat war bislang wenig bekannt. Nachfolgend die wichtigsten Erkenntnisse der Untersuchungen:

Psychische Probleme: Nach der repräsentativen Befragung der Berliner Charité unter geflüchteten Frauen insbesondere aus Syrien, Afghanistan und dem Irak, sind viele von ihnen traumatisiert. Mehr als jede vierte Frau hat wegen ihrer Fluchtumstände Angstgefühle. Über die Hälfte muss häufig weinen. 40 Prozent neigen zu stark ausgeprägter Traurigkeit. Und immerhin jede zehnte Frau hatte schon ausgeprägte Selbstmordgedanken. Neben diesen psychischen Beschwerden dominieren bei den Betroffenen vor allem Rücken- und Kopfschmerzen. Mehr als 40 Prozent der Frauen gaben an, während der Flucht dem Tode nahe gewesen zu sein. Zehn Prozent wurden unterwegs Opfer sexueller Gewalt oder Zeugen sexueller Angriffe.

Medizinische Hilfe: Immerhin 55 Prozent der Befragten nehmen bei körperlichen Beschwerden keinerlei Hilfen in Anspruch. Bei seelischen Leiden sind es 40 Prozent. Aus welchen Motiven, lässt die Studie offen. So könnte zum Beispiel falsche Scham (etwa nach einer Vergewaltigung) eine Rolle spielen, aber auch das Gefühl, nicht ernst genommen zu werden. 36 Prozent der Befragten gaben an, trotz Nachfrage keine medizinische Hilfe erhalten zu haben. Wegen fehlender Sprachmittler schickten manche Ärzte die Frauen auch wieder weg, erklärte die Migrationsbeauftragte der Bundesregierung, Aydan Özoguz. Die Daten offenbarten "dringenden Handlungsbedarf", heißt es dazu in der Studie.

Kinder: Schwerwiegende Folgen für das Wohlbefinden von Flüchtlingskindern hat laut Unicef der häufig bis zu einem Jahr währende Aufenthalt in den Erstaufnahmeeinrichtungen. So gaben 22 Prozent der von Unicef befragten Mitarbeiter von Flüchtlingsunterkünften an, dass Kinder dort bereits Zeugen von Gewalt geworden seien. Jeder zehnte Mitarbeiter berichtete auch von direkter Gewalt an Kindern.

Bildung: Der Zugang zur Schulbildung für junge Flüchtlinge ist in den Bundesländern unterschiedlich geregelt. Während der Erstaufnahme besteht zumeist kein Anspruch auf eine Regelschule, sodass die Betroffenen häufig mindestens ein halbes Jahr lang keine Lehreinrichtung besuchen können. Auch haben 16 Prozent der Kleinkinder keinen Zugang zu einer Kita. 22 Prozent müssen sechs Monate oder länger darauf warten.

Konsequenzen: Kinder und ihre Eltern sollten laut Unicef so kurz wie möglich in Sammelunterkünften untergebracht werden. Zugleich macht sich die UN-Hilfsorganisation für verbindliche und kindgerechte Standards in allen deutschen Flüchtlingsunterkünften stark. Derweil dämpfte die Migrationsbeauftragte Özoguz die Erwartungen. Es sei "unrealistisch, an jeder Stelle in Deutschland alle Sprachen vorzuhalten", meinte sie im Hinblick auf fehlende Dolmetscher. Auf jeden Fall müssten die Beratungsangebote für geflüchtete Frauen verbessert werden.

Zum Thema:
Die Zahl der unbegleiteten minderjährigen Ausländer, die nach Deutschland kommen, sinkt. Doch ihre Betreuung stellt die Gemeinden immer noch vor gewaltige Aufgaben. In einigen Kommunen fehle es an Personal oder an geeigneten Unterkünften, sagte Familienministerin Manuela Schwesig (SPD) am Mittwoch in Berlin. Ende Februar 2016 gab es laut einem Bericht der Ministerin die meisten Kinder und Jugendlichen, die ohne ihre Eltern in Deutschland leben. Damals betreuten die Jugendämter 60 638 ausländische Kinder und Jugendliche. Inzwischen ist die Zahl der Minderjährigen auf 43 840 gesunken. Gleichzeitig stieg die Zahl der jungen Volljährigen, die durch die Jugendhilfe unterstützt werden. Erhielten im November 2015 noch 6400 junge Erwachsene Hilfe, so waren es Anfang Februar dieses Jahres bundesweit 18 214.