Die hübsche junge Frau mit den langen dunkelblonden Haaren liegt teilnahmslos im Bett des Gubiner Krankenhauses, an ihrem Arm hängt eine Bluttransfusion. Ayshat spricht leise, blickt ins Leere. Die 18-jährige Dagestanerin hat eine Odyssee hinter sich.
Am 30. März sollte Ayshat ihr Kind laut Geburtsplan zur Welt bringen. Bis dahin hätte sie es vielleicht bis nach Frankreich geschafft und ihr Sohn wäre tatsächlich als französischer Staatsbürger zur Welt gekommen. Doch Beamte entdeckten sie zusammen mit zwei weiteren schwangeren Frauen und 17 anderen Flüchtlingen in einem Möbel-Transporter, der gerade den Grenzübergang „Gubinek“ passieren wollte. Selbst die Grenzschützer, die es regelmäßig mit Flüchtlingen an der deutsch-polnischen Grenze zu tun haben, waren über die Skrupellosigkeit der Menschenschmuggler entsetzt.
Nach Angaben der Bundespolizei Frankfurt (Oder) war die Schleusung der Schwangeren ein Einzelfall, obwohl seit Jahresbeginn an der Grenze zu Brandenburg mehr als 200 illegale Flüchtlinge verhaftet wurden.
Für die 18-jährige Ayshat war ihre Entdeckung Glück im Unglück, denn die Wehen hatten bereits eingesetzt. „Ich weiß nicht, ob ich und mein Sohn sonst heute noch leben würden“ , erzählt die junge Mutter. Denn Junus kam mit den Beinen zuerst, steckte fest und konnte nur dank eines Kaiserschnitts von den Ärzten gerettet werden. Drei Tage lang wurde das 3100 Gramm schwere und 60 Zentimeter lange Baby von den Krankenschwestern in der Gubiner Entbindungsstation gehätschelt.

Heimat in Dagestan
Junus Mutter bereitet den Krankenschwestern inzwischen mehr Sorgen. Die Ver-ständigung mir ihr ist schwierig, die Unterschiede zwischen Russisch und Polnisch zu groß. Außerdem rührt Ayshat das Essen nicht an, ernährt sich nur von Tee und Zwieback. Die Gubiner Krankenschwestern haben keine Erfahrung mit den kulturellen Regeln des Islam. Zum Mittagessen gab es Schweinebraten mit Kartoffeln und Möhren.
Auch die Grenzschützer wunderten sich, als Ayshats Ehemann Ruhmat sich am Montag weigerte, mit ins Krankenhaus zu fahren und sich lieber verhaften ließ. Der Muslim wollte aus religiösen Gründen der Geburt fernbleiben. Der 31-jährige Ruhmat stammt wie seine 18-jährige Frau aus Dagestan, einer Republik im Süden der Russischen Förderation. Der Vielvölkerstaat gilt als einer der ärmsten in dem Staatenverbund. Die Mehrheit der Bevölkerung ist muslimisch. Ayshat und ihr Mann sahen keine Zukunft mehr in ihrer Heimat, beide waren arbeitslos, lebten im Haus ihrer Eltern.
Vor zwei Monaten machten sie sich auf die Reise nach Polen, nahmen sogar ihr Familiengeschirr mit und stellten einen Asylantrag. Ayshat gefiel es im Asylbewerberheim in Bialystok an der Ostgrenze Polens. „Wir hatten sogar eine kleine Wohnung. Ich wollte nicht weg“ , erzählt sie. Doch ihr Mann verlor die Geduld, wollte nicht länger auf die Aufenthaltsgenehmigung warten und ließ sich auf das Abenteuer mit den Schleusern ein. „1000 Dollar pro Kopf mussten wir für einen Platz in dem Lkw bezahlen“ , berichtet die Dagestanerin. Woher sie das Geld dafür hatte, verrät sie nicht.

In Polen gilt Blutsrecht
Der Traum vom Leben in Frankreich ist geplatzt. In Junus Geburtsurkunde steht jetzt Dagestan als Staatsangehörigkeit. Denn anders als in Frankreich ist in Polen nicht entscheidend, ob das Kind auf polnischem Territorium geboren wurde, sondern ob seine Eltern Polen waren. Auch in Deutschland gilt dieses Blutsrecht.
Die kleine Familie muss jetzt weiterhin auf die Entscheidung über ihren Asylantrag warten. Bis dahin kann sie sich allerdings frei in Polen bewegen, während die anderen Flüchtlinge bereits am Tag nach der Verhaftung in ein Asylbewerberheim bei Warschau gebracht wurden. Gestern holte Ayshats Mann sie und ihren kleinen Sohn im Gubiner Krankenhaus ab. Wohin die Reise gehen wird, ist offen.

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 Flüchtlinge im Kindesalter müssen in Europa einer neuen Studie zufolge besondere Härten erdulden. Allein einreisende Kinder würden nach einem Asylantrag oft nur unzureichend über Möglichkeiten zur Zusammenführung mit ihren Familien informiert, erklärte der Europäische Rat für Flüchtlinge und Exilanten (ECRE) in Brüssel. Der Dachverband von 76 europäischen Flüchtlingsorganisationen forderte die 25 EU-Staaten auf, den Kindern aktiv bei der
Suche nach Angehörigen zu helfen. Der ECRE verweist in seiner Untersuchung auf negative Fallbeispiele aus Großbritannien, Frankreich, Deutschland und den Niederlanden. Vorbildlich gehen der Studie zufolge hingegen Litauen und Polen mit jugendlichen Flüchtlingen um.