Seit zehn Jahren ist der "Plan B" in der Lausitz ein Begriff. Immer wieder, wenn die Grünen, Umweltverbände und Bürgerinitiativen nach einem baldigen Ausstieg aus der Braunkohleverstromung in der Lausitz rufen, taucht er auf. Vorlegen sollen diesen Plan die verantwortlichen Politiker in der Region. Einen Plan, wie ein ruhiger Übergang von den 8000 direkten Kohlejobs und einigen Tausend davon abhängigen Arbeitsplätzen in neue Beschäftigung gelingen kann, ohne dass die Region dabei Schaden nimmt.

So einen Plan zu fordern, ist wohlfeil, vor allem wenn man selbst nicht in die Verlegenheit kommt, ihn entwickeln zu müssen. Denn die bittere Wahrheit, die sich bei einem realistischen Blick auf die Lausitz zeigt, ist ernüchternd: Nach dem Ende des Braunkohlebergbaus und der Kohlekraftwerke, wann immer das sein wird, gibt es hier nie wieder so viele gut bezahlte Industriearbeitsplätze wie heute.

Und das ist völlig unabhängig davon, wie viele Pläne geschrieben, wie viele Fördermillionen in die Region gepumpt werden. Denn es gibt einfach keinen Grund für große Industrieunternehmen, sich hier niederzulassen. Wissenschaftler, zum Beispiel vom Institut für Wirtschaftsforschung in Halle, können das nicht nur für die Lausitz, sondern auch für andere Regionen in Deutschland genau erklären.

Es braucht dazu die Anwesenheit von Firmenzentralen in der Region. Im Pendlerumfeld solcher Firmensitze ist die Aussicht gut, dass neue Niederlassungen entstehen. Die Lausitz hat da aber nur die Hauptverwaltung von Vattenfall in Cottbus anzubieten.

Von den 500 größten Unternehmen in Deutschland haben insgesamt nur 34 ihren Sitz im Osten. Und ostdeutsche Firmen sind im Durchschnitt halb so groß wie westdeutsche Unternehmen. Wissenschaftler sehen darin einen wichtigen Grund für die anhaltende wirtschaftliche Strukturschwäche des Ostens.

Und die Lausitz? 90 Prozent der mehr als 80 000 Unternehmen in der Region sind Klein- und Kleinstunternehmen mit weniger als zehn Mitarbeitern. Selbst wenn die Wirtschaftspolitik in Brandenburg und Sachsen ihnen ideale Wachstumsbedingungen schafft, werden sie nur einen Bruchteil an Beschäftigung ausgleichen können, den heute Bergbau und Stromerzeugung liefern.

Bleiben die erneuerbaren Energien als Beschäftigungs chance. Der Rotorblätter-Hersteller Vestas in Lauchhammer ist inzwischen auf beachtliche 650 Arbeitsplätze gewachsen. Doch Vattenfall beschäftigt in der Lausitz direkt mehr als die zehnfache Zahl an Mitarbeitern. Und Tausende Wartungsmechaniker für Wind- und Solarparks werden auch in zehn oder 20 Jahren hier ebensowenig gebraucht wie 8000 neue Kellner und Zimmermädchen im regionalen Tourismus. Also Kopf in den Sand und an das ewige Leben der Lausitzer Kohle glauben?

Nein. Der Strukturwandel der Lausitz muss in vielfältiger Form an den Kabinettstischen in Dresden und Potsdam ein Dauerthema sein. Das reicht von einer guten Finanzausstattung der Hochschulen über die Unterstützung von Existenzgründern bis zu einer funktionierenden Verkehrsinfrastruktur. Wenn schon keine neue Großansiedlung kommt, muss wenigstens der industrielle Bestand erhalten und weiterentwickelt werden.

Trotzdem wird, wenn die Kohlezeit in der Region eines Tages zu Ende geht, nicht nur die Landschaft anders aussehen. Es wird spürbar weniger Industriearbeitsplätze und dadurch spürbar weniger Kaufkraft geben. Viele Lausitzer sind vor Jahrzehnten wegen der Arbeit im Tagebau oder Kraftwerk hergezogen. Wenn die weg sind, werden viele von ihnen wieder gehen.

Es ist nötig, den Menschen über diese schwierigen Perspektiven reinen Wein einzuschenken. Wer so tut, als würde ein "Plan B" alles glätten, täuscht sie.