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Trauern vor der Großleinwand

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Köln. Nach dem Schock kommt die Trauer – und die Suche nach Trost. Mehr als drei Wochen sind seit dem Germanwings-Absturz vergangen. Im Kölner Dom wird an die Opfer erinnert. Es sind ergreifende Momente. Einige Hundert Menschen verfolgen den Kölner Trauergottesdienst auf der Großleinwand am Hauptbahnhof. Katja Heins

Es ist so still auf dem Kölner Bahnhofsvorplatz, dass es fast schon unerträglich ist. Alle Gespräche sind schlagartig eingestellt worden. Pärchen halten sich an den Händen, Reisende bleiben mit dem Trolley stehen. Nur wenige Meter weiter im Kölner Dom hat soeben die Trauerfeier für die Absturzopfer der Germanwings-Maschine begonnen. Eine vor dem Bahnhof aufgestellte Großleinwand überträgt die ersten Szenen.

"Erst habe ich gedacht, Public-Viewing bei Trauerfeiern, das passt nicht", sagt eine 72-jährige Kölnerin. "Doch wie wir jetzt hier stehen, ist es sehr bewegend." Einige Hundert Menschen sind am Mittag zwischen Dom und Hauptbahnhof zusammengekommen, um den Gottesdienst zu verfolgen.

"Für uns ist das auch ganz komisch, hier hineinzugeraten", sagt Simone (46) aus Wolfsburg. Sie ist gerade mit dem Freundeskreis von einer Kreuzfahrt zurückgekommen und überbrückt die Wartezeit auf den Zug vor der Großleinwand. "Die Absturz-Berichterstattung hat man im Fernsehen verfolgt und plötzlich ist man mittendrin. Die Angehörigen der Opfer sind nur wenige Meter weiter im Dom. Alles ist plötzlich so real."

"Nur Katastrophen-Touristen hier", schimpft ein 45-jähriger Kölner und deutet auf ein Frauen-Grüppchen, das Handy-Fotos von den Trauerkränzen macht, die vor dem Bahnhof abgelegt wurden.

Auf einige, die zufällig vorbei gekommen sind, mag das zutreffen. Immer wieder sieht man aber auch echte Anteilnahme und Tränen. Als im Dom das Vaterunser gesprochen wird und Dutzende Besucher draußen vor der Leinwand die Hände falten und das Gebet auf dem Bahnhofsvorplatz mitmurmeln, ist spürbar, worum es gehen soll. "Es ist wichtig, den Angehörigen der Opfer zu zeigen: Wir fühlen mit ihnen. Und nur deshalb sind wir hier", sagen Milena und Thorsten aus Bergisch-Gladbach.

Bundespräsident Joachim Gauck sagt in seiner Rede im Anschluss an den Gottesdienst: "Es ist etwas zerstört worden, das in dieser Welt nicht mehr geheilt werden kann." Da sei er wieder, dieser Schock, "der uns am 24. März getroffen hat." An dem Tag kamen 150 Menschen ums Leben, als der Copilot den Airbus offenbar mit Absicht in den französischen Alpen zum Absturz brachte. Zu Trauer und Schmerz komme die schreckliche Erkenntnis: "Dieser eine hat die vielen anderen mit in den Tod gerissen, den er für sich selber gesucht hatte. Uns fehlen Worte für diese Tat", sagte Gauck.

"Vielleicht ist es ja das, was uns so sehr erschreckt hat: die Sinnlosigkeit des Geschehens. Wir sind konfrontiert mit einer verstören den Vernichtungstat."