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| 01:09 Uhr

Trauer und Wut in Ramallah

Sie alle wollten ihren toten Präsidenten sehen – tausende Palästinenser stürmten die Mukata.
Sie alle wollten ihren toten Präsidenten sehen – tausende Palästinenser stürmten die Mukata. FOTO: Foto: AFP
Palästinenser-Präsident Jassir Arafat ist gestern im Hof seines Hauptquartiers in Ramallah beigesetzt worden. Zehntausende trauernde Palästinenser drängten sich auf dem Gelände. Von Carsten Hoffmann

Tausende stürmen auf den Hubschrauber mit der Leiche Jassir Arafats zu. Im palästinensischen Hauptquartier in Ramallah herrscht in diesem Augenblick eine Atmosphäre, in der sich bei seinen Anhängern Trauer mit Wut und Aggressivität mischen. Diese Trauer kennt keine Tränen. Sie macht sich in ohrenbetäubenden Rufen der Menge und mit Schüssen aus den automatischen Waffen seiner Wachleute Luft. "Jassir, Jassir" und "Gott ist groß" skandiert die unübersehbare Menschenmasse. "Unser Blut, unsere Seele opfern wir für Dich, Abu Ammar (Arafats Kampfname)", rufen immer wieder junge Männer.

Hunderte klettern über die Mauern
Wie auf den Zinnen einer Burg hatten palästinensische Sicherheitskräfte die Mauern um die Mukata in den Stunden zuvor gesichert. "Die Regierungsleute haben nicht mehr Recht ihn zu sehen als wir", rufen aufgebrachte Kämpfer der Al-Aksa-Brigaden am Osttor des Hauptquartiers. Die Dämme sind aber bald gebrochen. Hunderte von jungen Leuten klettern über die Mauern. Schließlich werden auch die Tore geöffnet.
Der mit einer palästinensischen Fahne bedeckte und von Uniformierten geschützte Sarg Arafats wird nach langem Ringen mit der tosenden Menge auf einem Auto durch die Menschenmassen zur Grabstelle gefahren. Die Wachleute an der Seite des Sarges heizen die Stimmung mit Sprechchören an. Eigentlich sollte Arafats Leiche in der Mukata aufgebahrt werden, damit die Menschen Abschied nehmen können. Als aber die Lage außer Kontrolle zu geraten droht und Verletzte weggetragen werden, muss Arafat vorzeitig bestattet werden.
In Erde, die vom Tempelberg in Jerusalem herbeigeschafft wurde, hat das Nationalsymbol der Palästinenser schließlich im Hof seines halb zerstörten Hauptquartiers seine letzte Ruhe gefunden. Er liege dem sunnitischen Brauch folgend auf der rechten Seite, mit dem Gesicht nach Mekka, heißt es. Um die Grabstätte stehen Olivenbäume. "Es ist ein provisorisches Grab, bevor wir ihn nach Jerusalem bringen", sagt Arafats Chefunterhändler, Sajeb Erekat. Arafat wollte auf dem Tempelberg bestattet werden.
"Gebt Abu Ammar doch den jungen Männern. Die bringen ihn dann schon nach Jerusalem", meint Itidal Ismail, die aus Tulkarem zur Trauerfeier angereist ist. Israel hatte etwas Ähnliches befürchtet, nämlich dass Zehntausende die Kontrollpunkte um Jerusalem stürmen und versuchen könnten, ihren Präsidenten auf den Tempelberg zu bringen. Israels Armee und Polizei waren deswegen in höchster Alarmbereitschaft.
Arafats Tod werde die Lage insgesamt verschlechtern, ist der israelische Friedensaktivist Uri Avnery überzeugt. Als einer von ganz wenigen Israelis ist er zu der Trauerfeier nach Ramallah gereist. "Arafat hatte die monumentale moralische und politische Macht, Frieden zu machen und dies gegenüber seinen Leuten zu vertreten", sagt er. "Dafür gibt es keinen Ersatz. Das können seine Nachfolger nicht."

Al Aksa droht mit weiterer Gewalt
"Wenn die Israelis Frieden wollten, hätten sie ihn doch mit Arafat schließen können", meint die weinende Itidal aus Tulkarem, die eine palästinensische Fahne schwenkt. "Es gibt eine rote Linie bei Verhandlungen. Das Recht der Flüchtlinge auf Rückkehr und Jerusalem stehen nicht zur Debatte", sagen die Al-Aksa-Brigaden. "Wenn auch nur einer seiner Nachfolger daran rührt, schneiden wir ihm den Kopf ab." Es ist an diesem Tag nicht klar, wer künftig die jungen, militanten Heißsporne im Zaum halten soll.
Doch es ist auch nicht alles Wut und Trauer rund um die Mukata. Ata, ein älterer Mann mit Schnauzbart, hat sich aus einem großen Arafat-Poster einen Hut gefaltet, der ihn gegen die auch im November noch kräftige Sonne schützt. Gegen mögliche Kritik, dies könne respektlos gegenüber dem Toten sein, hat sich der Palästinenser gewappnet. "Was wollen Sie?", sagt er. "Ich werde sagen, Arafat ist die Krone auf meinem Haupt."