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Trauer um „wahre Heldin Russlands“

In Moskau haben etwa 2500 Menschen Abschied von der ermordeten regierungskritischen Journalistin Anna Politkowskaja genommen. Von Friedemann Kohler

Während der russische Präsident Wladimir Putin gestern in Deutschland die Außenpolitik der neuen Energiegroßmacht Russland vertrat, trauerten daheim Journalisten, Oppositionspolitiker, Menschenrechtler und ausländische Diplomaten um die engagierte Tschetschenien-Reporterin. Die 48-Jährige war am Samstag erschossen worden.
Trotz Regens bildeten sich auf dem Trojekurow-Friedhof lange Menschenschlangen, um am Sarg Blumen niederzulegen. „Sie war eine Menschenrechtlerin und Journalistin im wahrsten Sinne des Wortes, eine Heldin Russlands“ , sagte der russische Beauftragte für Menschenrechte, Wladimir Lukin, über Politkowskaja.
Die Trauerfeier war ein Lebenszeichen des Russlands jenseits von Putins Machtapparat. Aus Sicht des Kremls und vie ler Russen versammelten sich die Nörgler und Dauerkritiker, die mit westlichen Geldern und Preisen durchgefütterten Vaterlandsverräter, zu denen man auch Politkowskaja gezählt hatte.

Der Angst nicht gebeugt
In Trojekurow kamen Vertreter der unter Putin schikanierten russischen Medien zusammen, Politiker des ins Abseits gedrängten liberalen Lagers wie Grigori Jawlinski und Boris Nemzow. 15 Jahre nach dem demokratischen Aufbruch in Russland begruben sie erneut ein Opfer politischer Gewalt.
Der Redakteur Wjatscheslaw Ismailow von der Zeitung „Nowaja Gaseta“ erinnerte daran, wie oft Politkowskaja bei ihrer Arbeit bedroht worden sei. Auch wenn sie Angst gehabt habe, habe sie sich diesem Druck nicht gebeugt. Die Journalistin hatte in ihren letzten Artikeln Menschenrechtsverletzungen der moskautreuen Führung in Tschetschenien angeprangert.

Kaum jemand weinte
„Die Menschen fürchten sich“ , sagte Jawlinski. Kaum jemand weinte bei der Trauerfeier, niemand begehrte auf. Die Stimmung war bedrückt: Der Auftragsmord ist ein böses Signal für das Jahr der Parlaments- und Präsidentenwahl 2007/2008 in Russland.
Putin hatte nach dem Mord zunächst zwei Tage geschwiegen und sich dann nur auf Nachfrage des amerikanischen Präsidenten George W. Bush in einem Telefonat geäußert.
Bei der Suche nach den Mördern fehlte den Ermittlern nach Berichten der russischen Tageszeitung „Kommersant“ gestern noch eine heiße Spur. Die Polizei gehe von mehreren Tätern aus, die Politkowskaja bereits im Supermarkt verfolgt hätten. Die Journalistin war bei der Rückkehr vom Einkaufen im Fahrstuhl ihres Haus mitten in Moskau erschossen worden.