Noch kurz vor den blutigen Anschlägen in Casablanca hatten die USA und Großbritannien vor neuem Terror in Saudi-Arabien sowie in sieben ostafrikanischen Ländern gewarnt. Doch mit einem Attentat in Marokko hatte wohl niemand gerechnet. Zumindest tauchte das Königreich nicht auf der Liste auf. "Warum ausgerechnet wir?", fragten sich deshalb am Wochenende viele Menschen in dem nordafrikanischen Land.

"Vom Glauben abgefallen"
Mancher mag es dennoch geahnt haben. Denn in einer seiner letzten Botschaften vor dem Irak-Krieg hatte Al-Qaida-Führer Osama bin Laden auch das amerikafreundliche Marokko auf die Liste jener islamischen Staaten gesetzt, die "vom Glauben abgefallen", "unrein" und "von den USA versklavt" worden seien. Für Terror-Experten war die Botschaft klar: Das Land war soeben als Anschlagsziel "freigegeben" worden.
Experten sind nach den Attentaten in Riad und Casablanca zudem überzeugt, dass sich der islamistische Terror unter Führung der Al Qaida reorganisiert hat. Anders seien so präzise ausgeführte Attentate nicht zu erklären. Außerdem habe der Irak-Krieg viele junge Leute in die Arme der Extremisten getrieben. "Al Qaida ist dadurch nur gestärkt worden", meinen viele. Und nun hätten die Extremisten beweisen wollen, dass sie trotz der Kriege in Afghanistan und Irak die "Helfershelfer" der USA wieder überall treffen können.
Auch in Marokko hatte die Intervention im Irak für heftigen Unmut gesorgt, vor allem unter den Islamisten, die jahrzehntelang unter der Herrschaft des 1999 gestorbenen Königs Hassan II. in Schach gehalten worden waren und nun starken Aufwind spüren. So war die als gemäßigt geltende Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung (PJD) bei der Parlamentswahl im Jahr 2002 auf Anhieb zur drittstärksten Kraft im Lande aufgestiegen. Um einen durch den Krieg begünstigten weiteren Vormarsch einzudämmen, wurden kürzlich die eigentlich für Juni geplanten Kommunalwahlen auf September verschoben.
Während in Rabat oder Casablanca hunderttausende Menschen gegen den Irak-Krieg auf die Straße gingen und sogar Saddam Hussein hochleben ließen, gab es von offizieller Seite kein Wort der Kritik an den USA. Als gemäßigtes Land ist Marokko einer der wichtigsten Verbündeten Washingtons in der arabischen Welt und strebt zudem seit langem eine engere Beziehung zur Europäischen Union an.
So rühmt sich Marokko unter Hassans Sohn Mohammed VI. auch seiner Zusammenarbeit mit den USA im Kampf gegen den internationalen Terrorismus. Just in Casablanca waren im Februar drei Saudis wegen Zugehörigkeit zu Al Qaida zu langen Haftstrafen verurteilt worden. Aus Washington gab es dafür großes Lob, doch mancher politische Führer warnte vor den Folgen eines Schulterschlusses mit Amerika.

Auftrieb für Islamisten
Die Nähe zu den USA, aber auch die schlechte Wirtschaftslage gibt auch radikalen Islamisten Auftrieb. Ende vergangenen Jahres war die Polizei in Marokko massiv gegen muslimische Extremisten vorgegangen und hatte Dutzende Menschen verhaftet - auch in Casablanca. "Diese Festnahmen haben nur die Spitze des Eisbergs gezeigt, denn im Untergrund gibt es zahlreiche Gruppierungen, die nur auf ihren großen Augenblick warten", meinte ein politischer Kommentator.
Die Angst vor den "Bärtigen" und vor Zuständen wie im Nachbarland Algerien kommt in der Presse immer wieder hoch. "Die Extremisten sind längst unter uns, die Barbarei hat die Mauern der Städte überwunden", schrieb etwa "L'Economiste". Und "L'Opinion" stellte fest: "Einen marokkanischen Sonderweg gibt es nicht mehr."
Dass bei den Anschlägen ein spanisches Kulturhaus am stärksten getroffen wurde, scheint auch kein Zufall zu sein: Die Regierung in Madrid zählte zu den größten Befürwortern der US-Intervention im Irak. In Spanien wächst nun die Furcht, das nächste Ziel zu sein. "Bei uns gilt jetzt die höchste Alarmstufe", zitierte die Zeitung "El País" gestern einen Regierungsbeamten.

Stichwort Weltberühmt erst durch den Film "Casablanca"
 Casablanca ist die größte Stadt Marokkos und Wirtschafts- und Finanzzentrum des nordafrikanischen Königreichs. Rund 100 Kilometer von der Hauptstadt Rabat entfernt am Atlantik gelegen, konzentriert sich in Casablanca fast 80 Prozent der marokkanischen Industrie. Die Stadt besitzt einen der größten Häfen in Afrika. Casablanca hat drei Millionen Einwohner, weitere drei Millionen leben in den Vororten.
Weltberühmt wurde die Stadt aber erst durch den Film "Casablanca" mit Humphrey Bogart und Ingrid Bergman in den Hauptrollen. Das Melodram entstand aber gar nicht dort, sondern ist fast ausnahmslos ein Studio- und Kulissenfilm, der in Hollywood gedreht wurde. Dennoch nutzen viele Lokale die Popularität des Streifens, um Touristen anzulocken.