Es ist ein seltsamer Anblick. Ein Stück Autobahn in der Uckermark, zwei Spuren, kein Verkehr. Rechts am Fahrbahnrand, direkt neben der Leitplanke, säumen Strommasten die Strecke. Im November-Nieselregen nähern sich zwei Lastwagen. Sie sehen aus, als trügen sie Geweihe auf dem Führerhaus. Es sind Stromabnehmer, die sich an eine Oberleitung drücken.

Was hier auf einer 2,2 Kilometer langen Teststrecke des Siemens-Konzerns in Templin- Groß Dölln - 60 Kilometer nördlich von Berlin - zu beobachten ist, könnte schon bald Realität auf einem echten Autobahn-Abschnitt werden. Nach Tausenden Probefahrten mit mehreren Lkw-Prototypen seit 2011 sagt Siemens-Projektleiter Martin Birkner: "Wir sind bereit zur öffentlichen Erprobung."

Im übernächsten Jahr soll es so weit sein. Das Bundesumweltministerium hat die Verwirklichung vor wenigen Tagen mit einer Bekanntmachung für sein Förderprogramm zur Elektromobilität auf den Weg gebracht. Interessenten sollen für die geplante Pilotstrecke bis Ende Februar 2016 kurze Projektbeschreibungen einreichen. Nach Auswahl eines oder mehrerer Projekte könne im zweiten Halbjahr 2016 dann die konkrete Planung beginnen und 2017 die Installation, sagt Randolf Schließer, der sich beim Projektträger VDI/VDE Innovation + Technik im Auftrag des Ministeriums um das Vorhaben kümmert.

Der Ausgangspunkt für die Forscher war die Frage: Wie kann der wachsende Güterverkehr bewältigt werden, ohne gleichzeitig den Ausstoß des Treibhausgases Kohlendioxid weiter in die Höhe zu treiben? In Deutschland rechnet die Bundesregierung mit einem Plus von rund 40 Prozent im Zeitraum 2010 bis 2030. Nach dieser Prognose wird die Güterbahn aber nur ein Fünftel des Zuwachses übernehmen können. Die meisten Transporte kommen auf die Straße. Da liegen Lkw mit Elektroantrieb nahe - vor allem, wenn der Strom aus erneuerbaren Energien wie Solar- oder Windkraft kommt. Weitere Vorteile: Elek tromotoren arbeiten weitaus effizienter als Dieselmotoren und verpesten dort, wo sie unterwegs sind, nicht die Luft. Weil aber heutige Akkus für Langstrecken-Transporte noch nicht stark genug sind und auch zu groß, besann man sich bei Siemens auf die bewährte Bahntechnik mit Oberleitung.