Der Wagen schlingert nach der Vollbremsung über die nasse Gummimatte, das Fahrzeug bricht nach rechts und links aus. "Zu hektische Lenkbewegungen", kommentiert Klaus Bergmann, Organisator des Fahrsicherheitstrainings bei der Verkehrswacht Potsdam. Fahrer Thomas Röhrig hatte einen ganz anderen Eindruck. "Ich habe wohl zu spät gegengelenkt", meint der 52-Jährige nach seinem ersten Bremsversuch auf alten Transportbändern aus dem Braunkohletagebau, auf denen das Autofahren auf glatten Straßen trainiert wird. "Es ist gut, hier mal die Grenzen kennenzulernen", sagt Röhrig. "Dazu hat man im Alltagsverkehr wenig Möglichkeiten."

So wie Röhrig geht es seinen Mitstreitern an diesem Vormittag beim "Fahrtraining 50 plus" auf dem Gelände der Verkehrswacht. Rainer Sommerfeld nutzt die Gelegenheit, den technischen Fortschritt mal richtig auszutesten. "Mein erstes Auto war ein Trabant, dann kamen ein Wartburg und ein Opel Kadett", sagt der 61-Jährige. "Jetzt bin ich bei einem Zafira." Und inzwischen gibt es das Antiblockiersystem (ABS) und das Elektronische Stabilitätsprogramm (ESP), die ein Ausbrechen des Fahrzeugs bei schnellem Ausweichen verhindert.

"Viele ältere Fahrer wissen gar nicht, was ihr Auto alles kann und wie sie dies optimal nutzen können", sagt Bergmann. So werden beim Training der Senioren nicht nur die klassischen Slalomfahrten und Bremsübungen gemacht. Die Verkehrswacht klärt die Teilnehmer neben ABS und ESP auch über neue Systeme wie den Abstandswarner auf - oder den Müdigkeitswarner, der aus Daten wie dem Lenkverhalten, der Fahrzeit und der aktuellen Tageszeit einen Müdigkeits-Index errechnet und Alarm schlägt: Dann leuchtet auf dem Display ein rotes Warnschild mit einer Kaffeetasse auf.

"Bei älteren Teilnehmern so etwa ab 70 Jahren kommen neben der zunehmenden Reaktionszeit oft auch Bewegungseinschränkungen hinzu", sagt Bergmann. Das Wenden des Kopfes beim Rückwärts-Einparken wird zum Problem. Dann wird "Spiegelfahren" geübt: "Über die Außen- und den Innenspiegels sehe ich mehr, als wenn ich mich umdrehe", so der Experte. Das Training geht bis zu einer zügigen Rückwärtsfahrt durch die Slalomstrecke.

Zum Brandenburger Aktionstag für die "Generation 65 plus" am gestrigen Donnerstag ist auch die Polizei auf dem Gelände der Verkehrswacht. Der Aktionstag wurde 2014 aus der Taufe gehoben, nachdem die Polizei wachsende Unfallzahlen mit Beteiligung älterer Verkehrsteilnehmer registrieren musste. Die Zahl stieg von rund 14 500 im Jahr 2013 um gut fünf Prozent auf mehr als 15 100. Ebenso stark stieg die Zahl der Senioren, die den Unfall verursacht hatten.

"Wir klären auch darüber auf, dass regelmäßige Gesundheitschecks beim Hausarzt wichtig sind und dass man auf Medikamente achten soll, die müde machen", sagt Mario Heinemann, Sprecher des Brandenburger Polizeipräsidiums. Zu hohe Geschwindigkeit sei anders als bei jungen Fahrern meist nicht die Ursache für die Unfälle. "Das Problem sind oft eingeschliffene Verhaltensweisen, da wird ein neues Verkehrsschild nicht beachtet oder Fahrfehler schleifen sich ein."

Die 67-jährige Monika Polonis interessiert sich besonders für Fortbildungen in der Theorie. "Es gibt so viele neue Regeln und Verkehrsschilder", sagt sie. "Zum Beispiel weiß ich nie, wie lange eine Tempo-30-Zone gilt, weil das oft nicht durch ein weiteres Schild aufgehoben wird."

Neben Seh- und Hörtests und den Einpark-Übungen gibt es beim Verkehrswacht-Aktionstag auch einen Übungsbus für den neuesten Trend: das Sicherheitstraining mit dem Rollator, meist für die Generation 80 plus. "Das bieten wir seit zwei Jahren an und bekommen zunehmend Zulauf, vor allem von Bewohnern aus Seniorenheimen", sagt Bergmann. Da geht es um die richtige Einstellung der Laufhilfe - aber auch um viel mehr. Denn nicht nur das Einsteigen mit Rollator in Bus oder Straßenbahn will gelernt sein - auch das Überwinden einer Bordsteinkante sorgt für Probleme. "Das geht am besten rückwärts, und das muss man trainieren", so Bergmann.

Einen speziellen Aktionstag gibt es in Sachsen nicht. Der Freistaat verweist aber auf die vielen Aktivitäten vor allem der Verkehrswacht. Die bietet in Dresden gemeinsam mit dem Polizeidirektion auf einem landesweit einmaligen Gelände täglich Fahrtraining an. Inmitten der Landeshauptstadt ist ein Verkehrsübungsplatz mit Parklücken zum längs und quer einparken, Stopp-Schildern, Vorfahrtsstraßen sowie einem Hügel ausgerüstet, um das Anfahren am Berg zu üben. Wie der Chef der Dresdner Verkehrswacht Peter Samuel der RUNDSCHAU versichert, werde das Gelände überaus gut angenommen. "Die Autofahrer kommen selbstständig. Vor allem, wenn ein neues Auto gekauft wurde", erläutert Samuel.

Innerhalb des Bundesprojektes "Mobil bleiben, aber sicher" hätten ältere Menschen zudem die Möglichkeit, "mit erlebnisorientierten Lernformen, in Tests und praxisnahen Übungen die eigenen Probleme im Straßenverkehr zu erkennen und Lösungen zu finden". Für diese Aktion schult die Verkehrswacht Moderatoren, die mit den Senioren an Verkehrssicherheitstagen das eigene Leistungsvermögen testen. Neben Sehtests könne dabei an Reaktionstestgeräten aufgezeigt werden, wie lang der Anhalteweg vom Erkennen der Gefahr bis zum Stillstand des Fahrzeugs ist.