. Der Weg von Helmut Moelles Haustür bis zu seinem Wirklichkeit gewordenen Lebenstraum ist nicht weit. Nur wenige Schritte durch seinen Garten, ein graues Metalltürchen im Zaun, dann steht der Zweiundsiebzigjährige im Weinberg von Grano (Spree-Neiße). Der Boden zwischen den Rebenreihen ist frisch vertikutiert. Das gelbe Weinlaub leuchtet trotz wolkenverhangenen Himmels. Am Vortag wurden die letzten Trauben dieses Jahres geerntet und verarbeitet. Etwa 3000 Liter Wein sollen in einem halben Jahr in der eigenen Kellerei in Grano auf Flaschen gezogen werden.

Moelle ist Vorsitzender des zehnköpfigen Weinbauvereins, dem die mehr als 4000 Weinreben gehören, die sich auf einem Hektar Pachtland eine leichte Anhöhe hinauf ziehen. Dass Moelle, früher in der Kommunalverwaltung beschäftigt, aus Mecklenburg stammt, ist der Dialektfärbung seiner Sprache noch heute anzuhören. In diesem von Schnaps und Bier geprägten Landstrich wuchs Moelle zum Weinliebhaber heran.

Trotz des Mangels der Nachkriegsjahre habe seine Mutter dafür gesorgt, dass alle vier Wochen zum Sonntagsessen auch eine Flasche Wein auf dem Tisch stand. "Die Andächtigkeit, mit der die Erwachsenen Wein tranken, hat mich als Kind tief beeindruckt", erinnert er sich. Schon bald stand für ihn fest: "Wein trinken, das ist eine kulturvolle Handlung."

Als er in Ruhestand ging, fand er andere Weinliebhaber, die 2003 mit ihm zusammen daran gingen, in Grano die vor hundertfünfzig Jahren abgerissene Gubener Weinbautradition wieder aufleben zu lassen. Ein Jahr später begannen sie, die ersten Rebstöcke zu setzen. 2008 erbrachte die bisher beste Ernte auf der Fläche 8 000 Liter Wein.

Heute ist der Granoer Verein einer von über 30 Kleinproduzenten des Rebensaftes in Brandenburg. Das reicht von Weinstöcken auf sechs Hektar rekultivierter Tagebaufläche am Wolkenberg bei Welzow (Spree-Neiße) über viele neue Hobbywinzer bis zum historischen Weinbau in Schlieben (Elbe-Elster).

Wo Weinbau wieder zum Leben erweckt wurde, sind oft Jungweinproben und Winzerfeste wieder zum festen Bestandteil regionaler Traditionspflege geworden. Zum Granoer Weinbergfest kamen Ende September eintausend Besucher. Den nötigen Sachverstand haben sich die Granoer Weinerzeuger bei einem Winzer in Süddeutschland angeeignet und aus Fachliteratur. Wenn Moelle Besucher durch die Rebenreihen oder die nahegelegene Kellerei in der Weinscheune führt, hantiert er souverän mit Fachbegriffen und Winzerwissen. Gerade für den Riesling sei Brandenburg ein guter Standort, sagt er. Mäßig warm, kühle Nächte, aber ausreichend Sonne und Wind, der die Nachtfeuchtigkeit schnell vertreibt. Wie empfindlich Wein ist, zeigt der Granoer Bestand. Am Hang, so Moelle, sei es durchschnittlich drei Grad wärmer als in dem tiefer gelegenen geraden Abschnitt der Fläche. Dort seien auch die Winterschäden an den Stöcken am größten. Erweiterungspläne haben die zehn Vereinsmitglieder aufgegeben. "Wir haben gemerkt, wie viel Arbeit da drin steckt", sagt Jürgen Moelle.

Elf verschiedene Rebsorten stehen in Grano, weil anfangs nicht sicher war, welche mit den Klimabedingungen an diesem Fleck gut klarkommt. Grau-, Weiß- und Spätburgunder sind dabei, Dornfelder und Riesling. Dass der hier erzeugte Landwein von durchaus ansehnlicher Qualität ist, belegt der Berliner Weinführer 2012. Zwei der Granoer Erzeugnisse bekamen dort das Prädikat "guter Wein".

Abgefüllt wird in Halbliterflaschen mit eigenem Etikett, das ein Bild von Grano und der Brandenburger Adler zieren. Preis pro Flasche etwa fünf Euro.

Was nach Abzug von Eigenbedarf der Vereinsmitglieder und Naturallohn für Helfer übrigbleibt, wird verkauft. Auch andere Hobbywinzer wie Jürgen Rietze aus Luckau lassen ihren Wein in Grano verarbeiten. Die Einnahmen aus dem Verkauf der eigenen Erzeugnisse und der Dienstleistung für andere Winzer reichen, um Betriebskosten und Aufwandsentschädigungen zu begleichen. Das Vereinsvermögen, das in Weinberg und Schaukellerei steckt, beträgt inzwischen mehr als 100 000 Euro. Der Verein ist schuldenfrei. In der kleinen Granoer Kellerei liegt säuerlicher Gärgeruch in der Luft. Auf den Stahltanks unterschiedlicher Größe blubbert es kräftig aus wassergefüllten Gärröhrchen. Nebenan befindet sich die Laborecke. Regelmäßig werden Proben genommen, alle Messungen und Behandlungen des Weines genau dokumentiert. Weil die Granoer ihren Traubensaft selbst verarbeiten, sind sie Kompetenzzentrum für die Brandenburger Winzer.

Im Lagerraum neben dem Labor stehen große Drahtpaletten. Nur noch dünne Flaschenschichten bedecken die Böden. Sichtbares Zeichen der erfolgreichen Direktvermarktung. "Wie wir damit bis zur nächsten Abfüllung im April kommen wollen, weiß ich noch nicht", sorgt sich der Vereinschef.

Im nächsten Jahr werden die Granoer Winzer ihr zehnjähriges Vereinsjubiläum begehen. Schon heute zieht Moelle zufrieden Bilanz: "Was wir erreicht haben, übertrifft alle Erwartungen und Hoffnungen."