Von Andrea von Fournier

Eine ganze Weile schien es still um den Blankenfelder Sänger Nik Page alias „Blind Passenger“. Aber keine Angst: Der umtriebige Erden-Passagier mit den markant aufgestellten Haaren und den stylischen Jacketts war fleißig und lässt am 15. Dezember in Guben von sich hören. Es werden nicht die Töne sein, die der Depeche-Mode-Fan zu Beginn seiner musikalischen Karriere in den 1990er-Jahren so erfolgreich mit Schulfreund Rayner Schirner als „Blind Passengers“ anstimmte. Und die das Gespann nach der Wende als erfolgreichste ostdeutsche Teenie-Band mehrfach an die Spitze der Radio-Fritz-Charts, zu zahlreichen Auftritten und Verträgen mit namhaften Musiklabels katapultierte.

Als der Sound der Band härter und deutlich rockiger wurde, schafften sie es unter anderem bis zum „Rock am Ring“, „Wacken“ und „Hurricane Festival“ und teilten sich dort die Bühne mit Kollegen wie David Bowie und The Prodigy. „Unsere Fans waren Leute, denen Boygroups zu glatt und schnulzig waren, zwei Drittel davon Mädchen“, erinnert sich Nik Page und muss schmunzeln, als er von den 13- bis 18-jährigen Schönen spricht, die sich nicht nur Backstage bei den Konzerten, sondern auch vor seiner Haustür einfanden. Ein Karton Fanpost in der Woche für die beiden Blankenfelder Jungs zu Hoch-Zeiten, das muss erst mal einer nachmachen. „Zum Glück haben die Mädels nicht so gekreischt, wie wir das von den Beatles kannten“, sagt Page, den diese Entwicklung in seinem Alltag nachhaltig befeuert hat.

Nach der Auflösung der Band 2001 und dem Start der Solokarriere ein Jahr später ging Nik Pages` Stil deutlich in Richtung Dark-Rock. Seine Vorhaben setzte er mit passenden, gern hochkarätigen Instrumentalisten um. Und die Bühnenoutfits gerieten, auch dank Zusammenarbeit mit der Berlinerin Kristin Maaß, imposant: „Ich war und bin ein Design-Fetischist“, sagt er. Videos mit Lack und Leder, schwarzen, muskelbepackten Männern, Masken und Kapuzen entstanden. Verstörend, surreal, crimed, laut.

Mit neuer Band veröffentlichte er drei weitere Album-CDs unter dem Etikett „Nik Page“. In dieser Zeit entstanden auch viele Duett-Songs mit Künstlern wie Joachim Witt („Goldener Reiter“) sowie Gesangskollegen von Subway To Sally, Knorkator, Letzte Instanz, And One oder Die Krupps. Er schrieb Songtexte für Joachim Witt, Silbermond, Kissing Dynamite, Staubkind, Eisblume, Dark Tenor und viele andere Chartstürmer und kehrte, im Retro-Fieber, 2010 zur eingeführten Marke „Blind Passengers“, ohne das „s“ am Ende, und zu seinen Electro-Pop-Wurzeln zurück. Mit der neuen „Blind Passenger“-Band brachte er nicht nur neue Songs, sondern auch seine Hits aus den 90er-Jahren und Coverversionen auf die Bühne.

2006 überraschte Nik Page mit einer musikalischen Symbiose von Rock und Kammermusik für „Songs of Lemuria“. Nicht nur als Sänger und Texter ist Nik Page unterwegs. Inzwischen hat er mehrere Labels gegründet, promotet mit „Wannsee-Records“ seine und die Konzerte befreundeter Bands, managt Kartenbuchungen über den eigenen Ticketservice „ticket69“...

Vielleicht um sich selbst und seinen Fans zu zeigen, dass noch mehr als Musik in ihm steckt, veröffentlichte er 2001 einen Roman. Das Science-Fiction-Epos „Neosapiens“ ist in Berlin Ende des 21. Jahrhunderts angesiedelt und schildert die menschliche Zukunft in düsteren Farben. Apropos Farben: Er hat Acryl-Bilder geschaffen, die es in die „Montagmaler-Ausstellung“ ins Dresdner Rathaus schafften. Seit Langem ist er außerdem als DJ gefragt.

Bei all den Ausflügen in verschiedenste Gefilde stand für ihn das Musikmachen auf Platz eins nie infrage. Die Erfahrungen von „Songs of Lemuria“ nutzend hat der Sänger jetzt abermals hochkarätige Klassikmusiker um sich geschart: Konzertpianistin Corinna Söller und Uwe Christian Müller, Mitglied der Neubrandenburg Philharmonie, am Violoncello, begleiten Page bei Songs von „Die Ärzte“, Queen, Metallica bis Depeche Mode kammermusikalisch. Die Idee des Programms: „Wir fragten uns, wie es klingen würde, wenn man David Bowie oder Martin Lee Gore von Depeche Mode in einer Zeitmaschine 200 Jahre zurückschicken würde, als es noch keine elektroakustischen Instrumente gab“, erklärt Nik Page. Eine charmante und spannende Vorstellung, deren Umsetzung Ende Oktober in der einmaligen Kulisse des imposanten Jüterboger Mönchenklosters Premiere feierte. Energisch forderte das Publikum Zugaben, und Page und seine Mitstreiter ließen sich gern dazu verleiten. Dabei outete sich der Sänger mit der unverkennbaren Mimik und Gestik zudem als Liebhaber des Swing der 1930er-Jahre, was den Zuschauern sichtlich gefiel. In Guben werden die Musiker den Abschluss ihrer diesjährigen Tour bestreiten.