Laut einer Berechnung des Statistischen Landesamtes in Kamenz lernen im Freistaat derzeit 17 963 Schüler die Fremdsprache aus dem Altertum. Das sind knapp 50 Prozent mehr als im Schuljahr 1993/1994, und das trotz des allgemeinen Schülerrückganges. "Sicherlich haben aufwendig inszenierte Kinofilme und Ähnliches dazu beigetragen, dass sich immer mehr Gymnasiasten für die antike Welt interessieren", glaubt Günter Kiefer, langjähriger Lateinlehrer und Direktor des Gymnasiums "Johanneum" in Hoyerswerda, das als eine der wenigen Schulen in Sachsen Latein bereits ab der 6. Klasse anbietet.
Auch die Technische Universität Dresden (TU) und die Universität Leipzig - die einzigen Hochschulen im Freistaat, die Latein anbieten - verzeichnen regen Zulauf. So haben in Dresden im Wintersemester 1991/1992 lediglich vier Studenten die Fachrichtung Latein studiert. Inzwischen ist deren Zahl auf 229 angewachsen.
"So richtig explodiert sind die Zahlen erst in den vergangenen beiden Jahren", betont Fritz-Heiner Mutschler, Latein-Professor an der TU Dresden. Und sein Fachkollege aus Leipzig, Marcus Deufert, fügt hinzu. "Früher war Latein ein reines Liebhaberfach, inzwischen studieren bei uns rund 250 Studenten." Ursache seien pragmatische Gesichtspunkte, denn viele der jungen Leute erhofften sich gute Berufschancen (siehe Hintergrund), da Lateinlehrer vielerorts zur Mangelware gehören.
Diese Engpässe hat Thomas Schindler vor drei Jahren zu spüren bekommen. Der damals 23-Jährige wurde während seines Latein-Lehramtsstudiums im 7. Semester für ein Jahr lang an ein Dresdner Gymnasium beordert, um dort die Sprache zu unterrichten. Grund war der längerfristige Ausfall zweier Pädagoginnen wegen Krankheit und Schwangerschaft. Für Thomas eine große Chance, den Alltag eines Lehrers kennen zu lernen. "Ich war pro Woche sechs bis acht Stunden an der Schule", erzählt er. "Da war für Uni kaum noch Zeit."
Fritz-Heiner Mutschler von der TU-Dresden ist nicht überrascht vom praktischen Exkurs des Studenten. "Lateinlehrer sind Mangelware", sagt er. Der normale Lehrkräftebedarf werde auf der Mittelstufe zumeist abgedeckt, doch gebe es ohne Zweifel Fälle, wo Oberstufenkurse nicht zu Stande kommen, weil die verfügbaren Lehrkräfte bereits ausgelastet seien. Dies sei insbesondere für die zukünftigen Lateinstudenten schlecht, denn das Fach Latein sei anspruchsvoll und habe eine Abbrecherquote von etwa 30 Prozent.
Um in Zukunft eine solide Ausbildung zu gewährleisten, wird an den Universitäten in Dresden und Leipzig darüber nachgedacht, Eignungstests und obligatorische Beratungsgespräche vor der Immatrikulation einzuführen. Ein Numerus-Clausus soll in absehbarer Zeit aber nicht eingeführt werden.

Hintergrund Lehrer Mangelware
 Rund 80 Prozent der sächsischen Lateinstudenten wollen Lehrer werden. Nach Aussage der Professoren werden Lateinlehrer in ganz Deutschland gesucht. Von einem direkten Mangel an Lehrern dieser Fachrichtung im Freistaat will die Sprecherin des sächsischen Kultusministeriums, Manja Israel, zwar nicht sprechen. Der normale Latein-Unterricht könne abgesichert werden. Allerdings komme es etwa bei Krankheit bisweilen zu Engpässen.