| 02:37 Uhr

Tomaten, Eier und Torten

FOTO: dpa
Berlin. Anders als noch vor vier Jahren ist der Wahlkampf diesmal deutlich ruppiger und aggressiver. Zumindest dann, wenn bestimmte Politiker auf bestimmte Bürger treffen. Hagen Strauß

Es wird gebuht, gepfiffen, geschimpft. In Heidelberg flogen jetzt Tomaten in Richtung Kanzlerin. Angela Merkel ist aber nicht das erste Opfer einer solchen Wurfattacke.

Der CDU-Vorsitzenden weht oft ein scharfer Wind entgegen, wenn sie auf Tour ist. "Merkel muss weg" skandieren wütende Protestler, die meist der AfD zuzuordnen sind. Vor allem in den neuen Ländern. Sie stelle sich dem, ließ die Kanzlerin kürzlich wissen. "Damit muss man leben." Am Dienstagabend in Heidelberg flog dann das Gemüse.

Merkel nahm den Tomatenwurf gelassen. Ihr roter Blazer bekam nur ein paar Spritzer ab, die sie einfach wegwischte. Ihre Wahlkampf-Moderatorin Claudia von Brauch itsch, die durch die Veranstaltungen mit der Kanzlerin führt, zeigte sich gestern nicht so entspannt: "Ich bin schon ganz schön erschrocken", erzählte sie einem TV-Sender. "Weil man nicht weiß, was da geflogen kommt." Merkel habe die Attacke aber professionell weggesteckt: "Es kam was, und es ging weiter."

Nun haben auch schon andere Politiker ähnliche Erfahrungen gemacht. Der frühere Bundeskanzler Helmut Kohl wurde 1991 in Halle an der Saale von Eiern am Kopf und am Anzug getroffen - wutentbrannt stürmte er auf den Übeltäter zu, um ihn zu packen. Die Bilder, wie Kohl nur mit Mühe von seinen Leibwächtern zurückgehalten wird, sind legendär. Das gilt auch für eine andere Attacke: Im Juli 2001 reiste die Führung von CDU und CSU nach Berlin, um den dortigen Spitzenkandidaten für die Abgeordnetenhauswahl, Frank Steffel, zu unterstützen. Als Edmund Stoiber, damals bayerischer Ministerpräsident, das Mikrofon ergriff, sausten die ersten Eier in Richtung Bühne. Später zeigten Fotos CDU-Mann Steffel, wie er ängstlich hinter Stoiber und dem damaligen CSU-Landesgruppenchef Michael Glos in Deckung ging. Die Bilder trugen mit dazu bei, dass Steffel für die Union nur 17 Prozent bei der Wahl holte. Steffel, inzwischen Bundestagsabgeordneter, sorgte übrigens vergangene Woche wieder für Negativ-Schlagzeilen, als sein Kreisverband mit einem von Merkel geschriebenen Brief für ihn warb. Dumm nur: Die Kanzlerin hatte das Schreiben gar nicht verfasst.

1999 traf es mit Joschka Fischer einen Grünen. Schauplatz war Bielefeld, die Grünen hatten zum Sonderparteitag geladen. Anlass war die Beteiligung der Bundeswehr am Kosovo-Krieg. Fischer, Außenminister der rot-grünen Bundesregierung, war für den Einsatz - und bevor er seine Rede halten konnte, traf ihn ein Farbbeutel am Kopf. Das Bild, wie Fischer sich nach dem Wurf das Ohr hält, ging um die Welt.

Zuletzt war die Linke Sahra Wagenknecht Opfer. Auf dem Linken-Parteitag im Mai 2016 saß Wagenknecht in der ersten Reihe, als plötzlich ein Aktivist ihr eine Torte direkt in Gesicht warf. Wenige Monate zuvor hatte ein als Clown verkleideter Mann in Kassel die AfD-Politikerin Beatrix von Storch ebenfalls mit einer Torte drangsaliert.

Wurfattacken wie die auf die Kanzlerin sind also nicht neu. Der Bielefelder Gewaltforscher Alexander Zick hat festgestellt, dass Angriffe aller Art gegen Lokal- und Spitzenpolitiker mit Beginn der Pegida-Bewegung "massiv zugenommen" haben. "Das gesellschaftliche Klima ist kälter geworden", so Zick gegenüber der RUNDSCHAU. Es gebe inzwischen mehrere Studien, die "eine signifikante Zunahme der Gewaltbereitschaft und Gewaltbilligung als Möglichkeit des Protestes verzeichnen". Und das gelte mittlerweile auch für Menschen aus der Mitte der Gesellschaft. Vor allem Merkel bekommt das derzeit zu spüren.