Im Frühsommer dieses Jahres wurden die sterblichen Überreste der beiden verscharrt in einem Wäldchen nahe des Frankfurter Ortsteils Lossow von Suchtrupps der Polizei endlich gefunden (die RUNDSCHAU berichtete). Die böse Vorahnung der Großmutter wurde zur traurigen Gewissheit.
Jetzt sitzt der mutmaßliche Doppelmörder von Mutter und Kind mit stets gesenktem Kopf auf der Anklagebank des Frankfurter Landgerichts. Und Renate Nagler macht aus ihrer Überzeugung kein Hehl: Der 52-jährige Klaus-Dieter W. hat Heike und Göran Nagler auf dem Gewissen. In den vergangenen neun Jahren habe sich der Angeklagte nie bei ihnen gemeldet, nie nach dem Verbleib der beiden gefragt. "Also musste er doch wissen, wo sie sind, was mit ihnen geschehen ist", sagt die 74-Jährige am zweiten Verhandlungstag als Zeugin vor Gericht.
Schließlich hatte Enkeltochter Heike ein langjähriges Verhältnis mit dem 19 Jahre älteren Arbeitskollegen, der zudem Vater des kleinen Göran war. Doch von dem Kind hatte der Mitarbeiter des Frankfurter Grünflächenamtes offenbar nie etwas wissen wollen. Schon während der Schwangerschaft soll er Heike Nagler unter Druck gesetzt haben, ihn nicht als Vater anzugeben, bestätigen mehrere Zeugen vor Gericht. "Sie hatte Angst vor ihm. Er soll gedroht haben, es würde etwas passieren, wenn sie sich nicht daran hält", erzählt eine Verwandte der Opfer.

Klage im Kindes-Interesse
Auf er Geburtsurkunde des kleinen Sohnes ist so auch nur Heike Nagler als Mutter vermerkt. Zum Vater finden sich keine Angaben. Wenige Wochen später muss sich die 23-Jährige dennoch entschlossen haben, W. auf die Anerkennung der Vaterschaft und Unterhalt für den Sohn zu verklagen. "Wir haben ihr dazu im Interesse ihres Kindes geraten", bestätigen Zeugen aus der Verwandtschaft. Mehr als ein Jahr nach dem Verschwinden von Mutter und Sohn hatte Heike Nagler dieses Ziel durch ein Gerichtsurteil endlich erreicht. Da waren sie und ihr Kind jedoch schon längst tot.
Laut Anklage waren die ungewollten Unterhaltszahlungen das Motiv für den grausamen Doppelmord. Wie am zweiten Verhandlungstag bekannt wird, hat W. bereits drei Kinder aus einer anderen Beziehung. Die Hälfte seines Gehalts gingen für die Unterhaltszahlungen drauf. Der Kontostand des Angeklagten war demnach ständig in den Miesen.
Weil er sich ein viertes Kind offenbar nicht leisten konnte, soll er die späteren Opfer am 1 .Juli 1997 unter einem Vorwand aus der Wohnung gelockt und mit dem Auto nach Lossow gebracht haben. Ein überstürzter Aufbruch: Wie Renate Nagler vor Gericht beschreibt, hatte die Enkeltochter zwar den Sohn im Kinderautositz mitgenommen, nicht aber - wie sonst immer - die Wickeltasche und die Geldbörse. Babyflaschenwärmer und Fernseher waren noch an, eine Tasse Tee nur halb ausgetrunken.

Todesumstände noch unklar
Bereits einen Tag zuvor hatte W. am späteren Fundort laut Anklage eine Grube ausgehoben. Die genauen Todesumstände von Mutter und Kind sind noch unklar. Der Angeklagte selbst schweigt hartnäckig zu den Vorwürfen. Am Abend des 1. Juli gab Renate Nagler gemeinsam mit ihrem Mann eine Vermisstenanzeige auf. "Wir wussten, da muss etwas passiert sein. Unsere Enkeltochter war sehr zuverlässig, verschwand nicht einfach, ohne sich abzumelden", versichert die Zeugin.
Der Prozess wird am 16. November in Frankfurt (Oder) mit weiteren Zeugenvernehmungen fortgesetzt.