Einen Tag nach den Schüssen auf einem Bauernhof bei Nauen (Havelland) ist noch vieles unklar. Warum rastete der 72-jährige Landwirt plötzlich so verhängnisvoll aus? Woher hatte er die Schrotflinte, mit der er den 61-jährigen Mitarbeiter des Veterinäramtes tödlich verletzte. Einen Waffenschein besaß er offenbar nicht. Auf Antrag der Potsdamer Staatsanwaltschaft wurde am Mittwoch ein Haftbefehl gegen ihn erlassen. Bisherige Tatvorwürfe sind Totschlag und unerlaubter Waffenbesitz.

Auch das Motiv des Mannes liegt weiter im Dunkeln. Weil der Bauer offenbar mit der Haltung seiner Rinder überfordert war, sollten ihm fast alle Tiere weggenommen werden. Als die drei Amtsmitarbeiter am Dienstag auf seinem Hof in Klein Behnitz, einem Ortsteil von Nauen, erschienen, schoss er nach Polizeiangaben mit einer Schrotflinte mehrmals auf sie.

War es also eine Verzweiflungstat? Während ein 61-Jähriger am Tatort seinen Verletzungen erlag, blieben zwei Tierärztinnen unverletzt. Beide sind aber nach Angaben des Landkreises bis auf Weiteres krankgeschrieben und befinden sich in psychologischer Behandlung.

Bereits im Sommer vergangenen Jahres hatte der Mann vom Landkreis die Auflage erhalten, seinen Bestand von 30 Rindern auf nur noch fünf Tiere zu reduzieren, hieß es. Dieser Aufforderung sei er auch zunächst nachgekommen und habe seine Herde bei einem anderen Landwirt untergestellt. Später habe er sie zurückgeholt, ohne jedoch etwas an den Verhältnissen zu ändern.

Nachbarn beschrieben den 72-Jährigen als eher ruhigen, zurückhaltenden Mann. So eine Tat hätte ihm niemand im Dorf zugetraut, hieß es immer wieder. Vorwürfe von Anwohnern, die Polizei habe viel zu spät eingegriffen, wies das Innenministerium nochmals zurück. "Die Schüsse fielen am Dienstag um 9.40 Uhr. Vier Minuten später wurde die Polizei informiert. Um 10.04 Uhr war der Dienstgruppenleiter der Polizeiinspektion Havelland am Tatort", teilte Ministeriumssprecher Ingo Decker am gestrigen Mittwoch mit.

"Das Auto ist natürlich nicht direkt dort vor die Tür gefahren", sagte ein Polizeisprecher. Die Beamten hätten aber sofort die nötigen Schritte zur "Aufklärung und Beurteilung der Lage" eingeleitet. Eine Dreiviertelstunde nach dem Eingang des Notrufes bei der Polizei wurde der bewaffnete Landwirt durch Spezialkräfte festgenommen.

Vermutlich waren es erst die besonders ausgerüsteten Spezialkräfte, die von Anwohnern als Polizei vor Ort wahrgenommen wurden, als sie sich dem Hof näherten. Denn der Zeitpunkt der Festnahme stimmt mit dem Zeitpunkt überein, an dem angeblich die Polizei erst eingetroffen sei.

Zu Details der Anforderung der Spezialeinheit macht das Potsdamer Polizeipräsidium im Moment keine Angaben. Der gesamte Einsatz werde aber noch mal ausgewertet, so ein Sprecher. Die 17 Minuten, die der erste Streifenwagen bis nach Klein Behnitz brauchte, liegen sogar deutlich unter dem landesweiten Durchschnitt. Wer in Brandenburg die Polizei ruft, muss sich meist etwa eine halbe Stunde gedulden.

Zum Thema:
Im Zusammenhang mit der latenten Terrorgefahr und den zurzeit zahlreichen Demonstrationen in Deutschland wird immer häufiger die Frage gestellt, ob die deutsche Polizei inzwischen mit ihren Aufgaben überfordert ist. Fakt ist: Die Sicherheitsbehörden sind inzwischen im Dauereinsatz - und fühlen sich mancherorts bereits überfordert mit der Lage. Bund und Länder haben in den vergangenen 15 Jahren rund 16 000 Stellen bei der Polizei abgebaut. In den nächsten Jahren gehen Tausende Beamte in den Ruhestand. In Brandenburg plädiert inzwischen selbst Innenminister Karl-Heinz Schröter (SPD) dafür, weiteren Stellenabbau zu stoppen. 2011 wurde im Land eine Polizeireform beschlossen, die den Abbau auf 7000 Beamte bis 2020 vorsieht. Derzeit sind es noch 8200 Stellen. SPD und Linke hatten sich in ihrem Koalitionsvertrag aber auf mindestens 7800 Polizisten geeinigt. Die Gewerkschaft der Polizei geht aber davon aus, dass die Zahl der Polizisten in Brandenburg bis 2018 ohnehin auf 7600 Beamte sinkt - aus Altersgründen. red