Deutlich größer dürfte die Zahl der Verletzten sein. Allerdings liegen hierzu keine statistischen Daten vor. Weil es keine gesetzliche Pflicht zur Erfassung von Hausunfällen gibt, werden auch keine Daten dazu erhoben. So winkt das sächsische Sozialministerium bei der Frage danach ebenso ab wie das Wirtschaftsministerium. Der Sprecher der Unfallkasse Sachsen, Karsten Janz, vermutet, dass es eine große Dunkelziffer gibt.
Und so können sich Experten nur auf Schätzungen stützen: "Wir gehen davon aus, dass bundesweit pro Jahr etwa 2,7 Millionen Unfälle im häuslichen Bereich passieren", erklärt Susanne Woelk, Geschäftsführerin der "Aktion das Sichere Haus" (DSH). Die DSH ist ein von Versicherungen getragener Verein, der über Unfallgefahren im Haushalt informiert. Ursache für solche Unfälle sei meist Unachtsamkeit. Vor allem ältere Menschen überschätzten aber auch ihre Kräfte. "Da werden Gardinen aufgehängt oder Heimwerkerarbeiten erledigt, obwohl man dazu nicht mehr die nötige Konstitution hat." Die Palette der häuslichen Unfallopfer reiche "vom Baby, das vom Wickeltisch fällt, bis zur Hausfrau, die von der wackeligen Leiter stürzt".
Auch die Statistikerin Annelie Henter, die für die Bundesanstalt für Arbeitsschutz mehrere Studien über Hausunfälle angefertigt hat, verweist auf Verhaltensfehler als Ursachen von Unfällen. "Das Sicherheitsverhalten im Betrieb, das dort gepflegt und kontrolliert wird, wird zu Hause oft einfach ignoriert", berichtet sie. "Da steigt man dann eben auf einen Stuhl und stellt noch eine Fußbank darauf, um einen Blumentopf vom Schrank zu holen." Auf die Diskrepanz weist auch Karsten Janz von der Unfallkasse hin: "In Betrieben kann man Ortsbesichtigungen machen und kontrollieren, ob die Leitern dort in Ordnung sind. Im privaten Haushalt geht das natürlich nicht."
Woelk vermutet, es sei "offenbar in Deutschland politisch nicht gewollt, dass Hausunfälle erfasst werden. In Österreich sei dies möglich. Dort müssten Unfallstationen und -kliniken die Ursachen von Unfällen mit abfragen. In Deutschland dürfte dies nach Ansicht von Unfallkassen-Sprecher Janz aber an datenschutzrechtlichen Gründen scheitern. Oder am Geld: Die letzte Studie des Bundesamtes für Arbeitsschutz stammt aus dem Jahr 2000, danach fehlten nach Angaben von Annelie Henter die Mittel für neue Erhebungen.
Und so findet derzeit nur Eingang in die Statistiken, wer zu Hause tödlich verunglückt. In Sachsen waren dies 2005 mehr als doppelt so viele Menschen wie jeweils in den Nachbarländern Sachsen-Anhalt und Thüringen.