Napolitano hatte sich geweigert, ein Regierungsdekret zu unterzeichnen, das die behandelnden Ärzte zwingen sollte, die abgebrochene Nahrungs- und Flüssigkeitszufuhr ihrer Patientin wieder aufzunehmen. Die wechselhafte Geschichte der seit einem schweren Autounfall von 1992 im Koma liegenden Englaro bewegt seit Monaten die italienische Öffentlichkeit. Vater Giuseppe Englaro hatte in jahrelangem Justizstreit durchgesetzt, dass die lebenserhaltenden Maßnahmen bei seiner Tochter ausgesetzt werden konnten. Die Frage, ob die Umsetzung des höchstrichterlichen Urteils legitim sei, spaltete die politischen Lager. Nachdem auch innerhalb der Opposition Zweifel an der Rechtmäßigkeit des Urteils laut geworden waren, machte der Ministerpräsident den Fall zur Chefsache. Mit dem Argument, Eluana Englaro könne trotz ihres Komas ein Kind bekommen, warb er auf gewohnt Aufsehen erregende Weise für ein Regierungsdekret. Dies sollte die bereits begonnene Sterbehilfe unterbinden, obwohl der Staatspräsident Widerstand gegen ein entsprechendes Dekret angekündigt hatte. Unmittelbar nach dem Tod der Betroffenen strich der Senat ein geplantes Eilgesetz über das Verbot des Abbruchs lebenserhaltender Maßnahmen wieder von der Tagesordnung. Es hätte die Umsetzung des Gerichtsurteils in letzter Minute stoppen sollen. Im Gegenzug will das Parlament nun ein Gesetz über Patientenverfügungen verabschieden, das auch die katholischen Bischöfe des Landes für nötig erachten. Der Streit über den Sterbehilfefall mag zur Klärung der Rechtslage bei Patienten mit unheilbaren Krankheiten und solchen im Endstadium beitragen, zugleich hat er Italien in eine beispiellose institutionelle Krise geführt. Verfassungsrechtlern zufolge bedrohte der Versuch der Regierung, einen Richterspruch per maßgeschneidertem Gesetz auszuhebeln, die Rechtsordnung. Die Gewaltenteilung zwischen Regierung, Parlament und Justiz werde überwunden, wenn ein Eilgesetz ein höchstinstanzliches Urteil aufhebe und der Regierungschef den Staatschef öffentlich delegitimiere, so die Rechtsexperten. Wiederholte Versicherungen aus dem Vatikan, die katholische Kirche übe keinen Druck in der Sache aus, verstärkten den Eindruck, dass heftige Kritik von Bischöfen und Kurienkardinälen am Sterbehilfefall eine wichtige Rolle für das Vorgehen der italienischen Regierung spielte. Darüber konnte auch die Nachricht, es habe ein versöhnliches Telefonat zwischen dem Staatspräsidenten und dem zweiten Mann im Vatikan, Kardinal Staatssekretär Tarcisio Bertone, gegeben, nicht hinwegtäuschen. Das Thema Sterbehilfe gelangte durch einen öffentlichen Streit um ein Einzelschicksal auf die italienische Politik-Agenda. Vor dem Hintergrund von seit Monaten immer wieder veröffentlichten Fotos einer jugendlich-sportlichen und attraktiven Eluana Englaro wird die Debatte hoch emotional geführt. Ein Austausch über Grundfragen und Sachaspekte des komplexen Themas kam dabei bislang nicht zustande. So droht der Gesetzentwurf über Patientenverfügungen, erneut im Parlament zu versanden, bis ein neuer Fall die Öffentlichkeit bewegt. Auch nach dem auf eigenen Wunsch vor zwei Jahren herbeigeführten Tod des unheilbar Kranken Piergiorgio Welby war eine Regelung für Patientenverfügungen in Italien gefordert worden.