Seit wenigen Tagen hält Erik Arts eine Genehmigung für den Ausbau der Schweinehaltung in Tornitz bei Vetschau in der Hand. Der Holländer ist Geschäftsführer und einer von zwei Gesellschaftern der Bolart GmbH, die mit bisher 52 000 Plätzen in ihrer Anlage zu den größten Schweinehaltern Deutschlands zählt.

Jetzt soll mehr Platz für die Sauen und zusätzliche Flächen für die Aufzucht von 12 000 Ferkeln entstehen. "Wir werden aber die ganze Anlage umbauen", kündigt Erik Arts an. Boxen sollen raus aus den Ställen, dafür Fenster rein. "In zwei Jahren wollen wir die beste Anlage hier haben", kündigt er an. "Ich will hier keine Diskussionen mehr."

Diskussionen hatte der Schweinehalter und Ferkelproduzent in den vergangenen Monaten in großem Maße. Anwohner machten gegen die Erweiterung der Anlage mobil. Im Dezember stiegen Aktivisten der Tierschutzorganisation Ariwa nachts in die Anlage in Tornitz ein und veröffentlichten Bilder von Tieren mit Verletzungen, engen Gitterboxen und zeigten die Firma an. Eine unangekündigte Kontrolle durch den zuständigen Amtstierarzt kurz danach ergab dagegen keine Beanstandungen.

Die Anlage in Tornitz war in diesen Tagen auch Ziel einer Exkursion der Brandenburger Volksinitiative "Stoppt Massentierhaltung". Im November hatte die Initiative 34 000 Unterschriften im Brandenburger Landtag abgegeben. Anfang März wird sich nun der Umwelt- und Landwirtschaftsausschuss des Parlamentes damit beschäftigen. Die Volksinitiative fordert besseren Tierschutz durch ein Verbot des Kupierens von Schweineschwänzen und Hühnerschnäbeln.

Artgerechte Haltung soll vom Land gefördert, Tierschutzorganisationen ein Verbandsklagerecht eingeräumt werden. Und Kommunen sollen mehr Mitspracherecht haben, wenn es um den Bau neuer Großviehanlagen geht, so eine weitere Forderung der Initiative.

Doch was ist "Massentierhaltung"? Und bedeutet jede große Tierhaltungsanlage automatisch Tierquälerei? "Nein", räumt Michael Wimmer ein, Sprecher des Aktionsbündnisses Agrarwende, das die Volksinitiative trägt. Ab einer bestimmten Tierzahl würden Tierschutzprobleme aber automatisch verschärft. Das Aktionsbündnis arbeitet mit etwa 30 Bürgerinitiativen in ganz Brandenburg zusammen, die sich für artgerechtere Lebensbedingungen von Nutztieren einsetzen .

"Die Haltung muss den Tieren und nicht die Tiere der Haltung angepasst werden", fordert Wimmer. Wenn Schweine genug Platz und Beschäftigung hätten, müssten ihre Schwänze nicht abgeschnitten werden, um Kannibalismus zu verhindern, erklärt er an einem Beispiel, was damit gemeint sei.

Doch bei der industrialisierten Haltung gerade von Schweinen und Geflügel bestimmte der ökonomische Druck die Haltungsbedingungen. "Das ist weder für die Tiere gut, noch für die Bauern", sagt Wimmer. Manche Landwirte würden ihren Schweinen zum Beispiel gern Stroh einstreuen, doch das hielten sie wirtschaftlich gar nicht durch bei dem harten Preiskampf.

Für den Agrar-Wende-Aktivisten Wimmer ist die Ursache für dieses Übel klar: "Es gibt in Deutschland insgesamt zu viel Fleisch auf dem Markt." Neben gesetzlichen Regelungen wie einem Kupierverbot sei deshalb eine konsequente und flächendeckende Kennzeichnungspflicht für die Herkunft des Fleisches notwendig. "Die Kunden müssen im Laden sofort sehen, aus welcher Haltungsart das Fleisch stammt, so wie mit den Stempeln auf den Eiern."

Wimmer ist überzeugt, dass eine solche Kennzeichnung die Verbraucher mehr zu Fleisch aus artgerechter Haltung greifen lässt. Denn bei Umfragen seien rund 80 Prozent bereit, dafür mehr zu bezahlen. Im Handel mache Fleisch mit Bio- oder Ökosiegel dagegen bisher nur zwei Prozent des Umsatzes aus.

Heiko Terno ist da skeptisch: "Die Leute kaufen ein Kilo Hackepeter für drei Euro fünfzig und unterschreiben vor der Tür bei der Volksinitiative gegen Massentierhaltung." Terno ist Produktionsleiter der Agrargenossenschaft Klein Radden im Spreewald und Vizepräsident des Landesbauernverbandes Brandenburg. Jahrelang seien die Verbraucher "dressiert" worden, dass es immer noch billiger gehe, beklagt er. Ökobetriebe, die ihre Tiere im Freiland halten, hätten in Brandenburg teilweise auch Probleme, ihr Fleisch zu vermarkten. Dass sich gerade in Brandenburg eine Initiative gegen "Massentierhaltung" gebildet hat, kann Terno nicht nachvollziehen. "Wir sind das Bundesland mit dem geringsten Tierbestand bezogen auf die Fläche", rechnet er vor. "Niedersachsen hat etwa zehn Mal so viel." Und Brandenburg erzeuge nur etwa ein Drittel des Schweinefleisches, das in Berlin und Brandenburg verzehrt werde.

Manche Bauern würden sicher gern mehr zum Wohl ihrer Tiere investieren, vermutet Terno, doch der Preisdruck lasse ihnen besonders bei Schweinen und Geflügel kaum Spielraum. Im vorigen Jahr habe ein Bauer in konventioneller Produktion an einem Masthähnchen ganze vier Cent verdient. 2013 sei es sogar nur ein Cent gewesen, weil die Futterpreise höher lagen.

Auch die aktuellen Schweinepreise würden kaum noch die Kosten decken, so der Vizechef des Bauernverbands. "Und wenn jemand trotzdem einen neuen Stall bauen will mit besseren Haltungsbedingungen, dann stehen die Gegner vor der Tür", beklagt Terno. "Die niedrigen Fleischpreise gehen insgesamt zulasten der Tiere und der Bauern", so seine Bilanz.

Ein Weg zur Verbesserung der Situation sieht er darin, dass Landwirte in Supermärkten ein Regal zur Direktvermarktung von Fleisch und Fleischprodukten bekommen. Dadurch müssten Kunden nicht zu einem Hofladen fahren, wenn sie Fleisch aus der Region mit nachprüfbaren Haltungsbedingungen kaufen wollten. Doch der Handel sei da bisher noch nicht sehr zugänglich.

Ab März, so eine Initiative von Bauernverband und Handel, werden pro Kilogramm verkauftem Schweinefleisch in Deutschland vier Cent in einen Fonds für "Tierwohlställe" eingezahlt. Bauern könnten dann für Neu- und Umbauten daraus einen Zuschuss beantragen, erklärt Heiko Terno.

Doch vier Cent seien eigentlich viel zu wenig. "Das reicht für etwa acht Millionen Schweine in Deutschland", rechnet er vor. Gehalten würden aber 60 Millionen. Sei vorigem Jahr gebe es für Masttiere auch eine Datenbank über alle Antibiotika-Gaben. Am Jahresende bekämen die Betriebe mit dem meisten Medikamentenverbrauch vom Land Auflagen, um mit weniger auszukommen.

Für Bauernverbandsfunktionär Terno bleibt es notwendig, die Verbraucher immer wieder über all diese Zusammenhänge aufzuklären: "Der Kunde hat es letztlich an der Fleischtheke in der Hand, was er kauft."

Michael Wimmer vom Aktionsbündnis Agrarwende will nicht nur auf Einsicht warten. Dass es nach der Volksinitiative auch noch ein Volksbegehren geben könnte, will er nicht ausschließen. Erst müsse aber abgewartet werden, welche Wirkung die 34 000 Unterschriften der Initiative hätten. Ein Erfolg sei jedoch jetzt schon klar: "Wir haben es geschafft, dass über dieses Thema ernsthaft diskutiert wird."

Zum Thema:
Es gibt kaum belastbare Zahlen, wie viel Tiere zurzeit in Brandenburg und Sachsen in größeren Anlagen gehalten werden. Veröffentlichungen dazu von Umweltverbänden und den Grünen weisen die für die Anlagen genehmigte Zahl der Tierplätze aus. Ein Teil der Anlagen wird jedoch nicht mehr in der genehmigten Größe genutzt. Trotzdem steht fest, dass in der Lausitz Anlagen mit erheblichen Tierzahlen existieren. Beispiele: Neben der Schweinehaltung in Tornitz bei Vetschau (rund 52 000 Tiere) existiert in Vetschau auch eine Broilermast mit 354 000 Plätzen. Im Landkreis Bautzen gibt es in der Gemeinde Großdubrau eine Schweinemastanlage für 20 000 Tiere. Die Konzentration der Schweinehaltung in Deutschland wird an diesen Zahlen deutlich. Seit 2000 hat sich die Zahl der Schweinehalter von 125 000 auf 25 000 reduziert. Gleichzeitig stieg die Zahl der Tiere pro Hof von 350 auf 2 160.Dass Tierwohl nicht nur auf kleinen Bauernhöfen Beachtung findet, zeigt gerade die Agrargenossenschaft Gahry (Spree-Neiße). Für 330 ihrer 600 Milchkühe wurde ein neuer Stall mit viel Licht, Luft und Bewegungsfreiheit errichtet. Zu den 2,3 Millionen Euro Baukosten zahlte das Land 560 000 Euro Zuschuss. sim