Die einzigen Farbtupfer an diesem grauen Novembermorgen sind die rund zwei Dutzend Kinder, die mit knallgelben Gummistiefeln, Regenhosen und bunten Mützen durch den Eingang des Magdeburger Zoos laufen. Jedes einzelne dreht sich zum Kassenhäuschen und ruft "Zoo-Kindergarten Magdeburg". Als ob sich die Kassiererin nicht denken könnte, dass die Gruppe um diese Zeit, in der sonst kein Mensch in den Zoo geht, zum gleichnamigen Kindergarten gehört.

Der liegt nur etwa 20 Meter vom Zoo-Eingang entfernt. Hier werden Kinder ab drei Jahren mit einem besonderen und in Deutschland wohl einmaligen Konzept betreut. Von sich selbst behauptet der Kindergarten, der "erste und bisher weltweit einzige Zoo-Kindergarten" zu sein. Ein Mal in der Woche schauen die Kinder dank einer Kooperation mit dem Tierpark hinter die Kulissen.

Die Zusammenarbeit geht weit über einen gelegentlichen Ausflug hinaus. Die Kinder des Zoo-Kindergartens füttern Tiere, lassen sich von Tierpflegern Wissenswertes zu den Arten erzählen und dürfen viele Tiere streicheln. Die Besuche stehen meist im Zusammenhang mit einem Thema, das die Erzieher in der Woche behandelt haben.

Die Betreuung im Kindergarten läuft zweisprachig. Drei Muttersprachler sprechen im Beisein der Kinder ausschließlich Englisch. Oft fragen die Kleinen auf Deutsch und die englischsprachigen Erzieher antworten in ihrer Sprache. Es ist kein Unterricht wie in der Schule, sondern ein spielerischer Umgang mit der neuen Sprache.

Wobei - für manche ist sie nicht ganz so neu. Etwa für die fünfjährige Emi, die einen japanischstämmigen Vater hat und auch zu Hause englisch spricht. "Alle Erzieher verstehe ich", sagt sie stolz. Und dann erzählt sie, wie sie sich auf die Schule freut, in der sie neben Deutsch und Englisch auch noch Französisch lernt.

"Gestern haben sich zwei Kinder auf Englisch unterhalten. Nur eines hat einen englischen Hintergrund", erzählt Mary Jamora, die zu den Muttersprachlern gehört und viele Jahre in den USA gelebt hat.

Die Kinder sind mittlerweile bis zum Ziegengehege gelaufen. Der Kurator für allgemeine Zoologie, Ulf Lender, versucht, sich Gehör zu verschaffen. Aber die Kinder haben erst einmal nur Augen für die Ziegen. Er kennt das schon. Dass mit Eröffnung des Zookindergartens im Jahr 2008 plötzlich regelmäßig Kinder kamen, sieht er positiv. "Das war keine Umstellung, sondern eine Belebung", sagt er. Die bekommt er jetzt zu spüren.

"Warum sind wir denn bei den Ziegen?" fragt Lender. "Füttern!" ruft ein Junge. Aber bevor die Kinder damit beginnen, erzählen sie dem Zoo-Kurator das Märchen von den sieben Geislein. "Diese Woche sind Märchen das Thema im Kindergarten", sagt die pädagogische Leiterin der Einrichtung, Katrin Gusewski. Nun sehen die Kinder die dazu passenden Tiere. "Unser Schwerpunkt ist die Umweltbildung", erläutert Gusewski. Auf dem über 2000 Quadratmeter großen Gelände des Kindergartens wird auch Obst und Gemüse geerntet.

Den Lauf der Natur lernen die Kinder anhand eines Komposthaufens kennen. "Der Trend, wieder mehr in die Natur zu gehen, ist da", sagt der Sprecher der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, Ulf Rödde. Es gehe darum, Kinder als kleine Forscher zu begreifen, die die Welt entdecken. Dafür eigne sich die Natur besonders gut, sagt Rödde.

Der Zoo-Kindergarten gibt eine gewisse Vorstellung davon, wie Kinder auf dem Lande aufgewachsen sind, bevor die Zeit mit Spielekonsolen und 24-Stunden-Kinderprogramm im Fernsehen begann: im Grünen, mit matschigen Hosen, durchgepustet vom Wind und mit Erfahrungen mit der Tierwelt. Dazu gehört auch das Wissen, dass Tiere nicht nur niedlich und nicht nur zum Kuscheln da sind.

Die Kinder nehmen das schreckliche Ende, das der böse Wolf bei den sieben Geislein nimmt, genauso hin wie die Erklärung des Zoo-Mitarbeiters vor dem Rentier-Gehege. Die Rentiere könne man auch schlachten, das Fleisch essen und das Leder verarbeiten, erzählt er. Bye bye Rudolph!