Dabei dürften jene europäischen Staaten, die eine härtere Gangart gegen Moskau und sichtbarere Unterstützung für Tiflis fordern, Zuspruch von US-Außenministerin Condoleezza Rice bekommen, sagen Nato-Diplomaten. Ebenso wie durch die EU zieht sich auch durch die Nato ein tiefer Riss in der Frage des künftigen Umgangs mit Russland. Vor allem Estland, Lettland, Litauen und Polen fordern mit britischer und schwedischer Unterstützung ein grundsätzliches Überdenken der Beziehungen zu Russland.
Knapp 30 Prozent der Bewohner Lettlands sind Russen, in Estland sind es 26 Prozent. Vor diesem Hintergrund und eingedenk der traumatischen Erfahrung mit der Sowjetunion hat der französische Präsident Nicolas Sarkozy gerade im Baltikum mit seinem Verständnis für Moskau Erstaunen und Angst ausgelöst. "Es ist völlig normal, dass Russland seine Interessen sowie diejenigen der Russen in Russland und der Russischsprachigen außerhalb Russlands verteidigen will", befand er. Im Baltikum sagen Diplomaten, Sarkozy komme der russischen These von einer geringeren Souveränität der "nahen Nachbarn" gefährlich nahe.

Baltische Staaten in Unruhe
"Es ist nicht möglich, dass alles so weitergeht, als sei nichts geschehen", formuliert der estnische Außenminister Urmas Paet die Unruhe der baltischen Staaten. Von der Blockade des russischen Beitrittswunsches zur Welthandelsorganisation WTO über die Aussetzung der Partnerschaftsverhandlungen mit der EU bis hin zum Ausschluss aus der G8-Gruppe reicht das theoretisch Denkbare. Freilich ist das eher unwahrscheinlich. "Es scheint mir nicht sehr sinnreich zu sein, die Zusammenarbeit mit Russland einzustellen", sagt der deutsche Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD).
Die EU hat die Diskussion darüber, ob die russische Machtdemons tration in Georgien eine Art Zeitenwende im Ost-West-Verhältnis markiert, zunächst noch vertagt. In der Europäischen Union scheinen auch jene, die das energiereiche Russland weiterhin als "strategischen Partner" bei der Lösung aller großen Weltprobleme sehen, die Mehrheit zu repräsentieren.

Nato-Aufnahme versprochen
Der Nato steht Georgien schon näher. Das Bündnis hat Tiflis die Aufnahme versprochen - die Frage ist nur noch: Wann? Schon bei der Sondersitzung der Außenminister am Dienstag könnte es geschehen, dass angeregt wird, Georgien müsse nun so rasch wie möglich aufgenommen werden. Schließlich sei Moskaus Entschlossenheit, Georgiens Nato-Beitritt zu verhindern, ein wichtiger Grund für Russlands Strafaktion gewesen. "Darüber gäbe es sicherlich eine sehr lebhafte Diskussion", sagt ein Nato-Diplomat. Deutschland gehört zu jenen Ländern, die Georgien ohne Lösung der Konflikte um Südossetien und Abchasien keinesfalls in der Nato haben wollen.
Während Rice sagt, es gebe ein "sehr starkes, zunehmendes Gefühl, dass Russland sich nicht wie der internationale Partner beträgt, der es sein möchte", warnt Steinmeier davor, die Kommunikationskanäle nach Russland abzubrechen. Und ihn ärgert die Unterscheidung zwischen einer russlandfreundlichen und einer russlandkritischen Haltung, die als "klüger oder angemessener" gilt. Dennoch deutet alles darauf hin, dass auch im Nato-Kreis wieder zwei Welten aufeinander treffen, wenn es um die Frage geht, wie es mit Russland gehalten werden soll.

Zum Thema Merkel trifft heute Medwedew
  Die Bundesregierung setzt weiter auf einen Dialog mit Russland und Georgien. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) wird heute mit Russlands Präsident Dmitri Medwedew in der russischen Schwarzmeerstadt Sotschi zusammentreffen. Merkel will bei ihrem dritten Treffen mit Medwedew ihren Beitrag leisten, um einen Stabilisierungsprozess in der Region zu unterstützen.
US-Präsident George W. Bush reist heute wie geplant für zwei Wochen in die Idylle seiner texanischen Ranch nach Crawford . Zuvor drohte er Moskau noch einmal vage mit Isolation.
Bei einer Schießerei in Georgien ist ein deutsches Ehepaar schwer verletzt worden. Das Paar sei in der Nähe von Gori unter Beschuss geraten, bestätigte gestern eine Sprecherin des Auswärtigen Amtes. Die beiden würden inzwischen im Krankenhaus der Hauptstadt Tiflis behandelt. Laut "Spiegel Online" waren der Mann und seine aus Georgien stammende Frau mit ihren Kindern Richtung Tiflis unterwegs. Ihr Auto sei von Unbekannten "regelrecht zersiebt" worden.