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Tiefer Griff in die Firmenkasse

Zweieinhalb Jahre dauerte es von der Zulassung der Anklage bis zum Prozessbeginn gegen Jörg K. am Landgericht in Cottbus.
Zweieinhalb Jahre dauerte es von der Zulassung der Anklage bis zum Prozessbeginn gegen Jörg K. am Landgericht in Cottbus. FOTO: ZB
Cottbus. Wie konnte der Geschäftsführer zweier kommunaler Gubener Unternehmen fast eine halbe Million Euro veruntreuen? Als Angeklagter legte er vor dem Landgericht Cottbus am Freitag ein umfassendes Geständnis ab. Simone Wendler

"Ich bedauere die von mir begangenen Taten sehr und entschuldige mich bei allen, die mir vertraut haben", sagt Jörg K. (Name geändert) gleich zu Beginn der von ihm am Freitag vor der Wirtschaftsstrafkammer des Landgerichtes Cottbus verlesenen Erklärung. Besonders belaste ihn bis heute, dass die ehemalige Hauptbuchhalterin der Gubener Wohnungsgesellschaft (Guwo) durch ihn ihren Job verlor. "Sie traf keine Schuld, sie hat nur gemacht, was ich ihr gesagt habe", erklärt der ehemalige Guwo-Geschäftsführer.

Dann räumt er Punkt für Punkt die Vorwürfe der Schwerpunktstaatsanwaltschaft Neuruppin ein. 16 Einzeltaten von Untreue und Urkundenfälschung, Gesamtschaden fast eine halbe Million Euro zulasten des kommunalen Gubener Wohnungsunternehmens. Von März 2010 bis April 2013 hatte er sich das Geld per Überweisung, Barauszahlung oder Scheck in die eigene Tasche gesteckt oder damit direkt private Rechnungen beglichen.

Über 200 000 Euro habe er zurückgezahlt, so der Ex-Firmenchef. Den Rest wird die Guwo wohl abschreiben müssen. Sein Privatvermögen sei inzwischen zwangsversteigert, so der 47-jährige Angeklagte. Er selbst, inzwischen schwer herzkrank, lebe von Erwerbsunfähigkeitsrente.

Mit Zustimmung der Prozessbeteiligten wurden zum Verhandlungsbeginn vier Anklagepunkte eingestellt, die sich auf Untreue-Taten zulasten der Gubener Sozialwerke (GSW) bezogen, sowie Steuerhinterziehung. Das soll den Prozess entlasten, denn Jörg K. ist nur eingeschränkt verhandlungsfähig. Die abgezweigten Gelder der GSW umfassten nur rund 30 000 Euro. Der größte Tatvorwurf betrifft ohnehin den Guwo-Komplex. K. leitete über Jahre beide Firmen.

Laut Anklage ging Jörg K., ein gelernter Banker, bei der Plünderung der Guwo-Kasse sehr planvoll vor. Es begann 2010. Da hatte er mit anderen Investoren eine Gewerbeimmobilie in Cottbus gekauft. Als ein halbes Jahr später noch 71 000 Euro Kaufpreis durch ihn zu zahlen waren, er das Geld aber nicht hatte, überwies er die Summe einfach vom Guwo-Konto. Ein Jahr später schickte er 20 000 Euro von dem kommunalen Großvermieter auf eines seiner Privatkonten und ließ das Wohnungsunternehmen auch die Restrate eines Vietnam-Urlaubs bezahlen.

In diesem Stil ging es weiter. Um über 200 000 Euro Baukosten für sein privates Wohnhaus zu finanzieren, zog er den Chef einer inzwischen insolventen Firma aus der Region hinzu, mit dem er privat seit Jahren geschäftlich verbunden war. Der lieh ihm zunächst das Geld. Als K. ihm das Geld nicht zurückzahlen konnte, veranlasste er in Abstimmung mit ihm die Erstellung einer Scheinrechnung an die Guwo über die Summe. Denn seine Firma erledigte Abrissarbeiten für das Wohnungsunternehmen.

Weitere 100 000 Euro für den Bau seines Privathauses zahlte der Ex-Guwo-Chef mit einem Barscheck des Wohnungsunternehmens, und 20 000 Euro überwies er sich als "privates Darlehen" vom Guwo-Konto.

Als Mitte 2012 die Betriebsprüfer der Guwo auf Unstimmigkeiten aufmerksam wurden, begann K. Beraterverträge und andere Papiere zu fälschen, um die veruntreuten Gelder in den Büchern zu rechtfertigen. Alles das gab der angeklagte Ex-Geschäftsführer am Freitag vor Gericht zu. Er selbst, so erklärte er, sei überrascht gewesen, wie leicht es ihm durch fehlende Kontrolle gemacht worden sei, seine Taten zu begehen. Ausgangspunkt dafür sei seine Geschäftsführertätigkeit für die Gubener Sozialwerke (GSW) gewesen. Der damalige Gubener Bürgermeister Klaus-Dieter Hübner (FDP) hatte 2004 eine Firma, an der K. beteiligt war, als Betreiber des kommunalen Altenheimes in die Neißestadt geholt. 2008 habe es, so der Angeklagte, eine Vereinbarung mit Hübner gegeben.

Danach sollte ein Teil seiner Betriebsführungsvergütung bei der GSW gestundet und ihm später ausgezahlt werden. Dann sei er jedoch in eine finanzielle Notlage gekommen. "Ich hatte gehofft, das später mit meinen Ansprüchen an die GSW ausgleichen zu können", habe er sich damals selbst den Griff in die Guwo-Kasse gerechtfertigt.

Im Juni 2011 nach den ersten veruntreuten 71 000 Euro habe er sich Bürgermeister Hübner anvertrauen und das mit ihm "einvernehmlich regeln" wollen. GSW und Guwo seien ja beides kommunale Firmen gewesen. Dann sei Hübner aber krank gewesen und Ende 2011 dann wegen staatsanwaltschaftlicher Ermittlungen gegen ihn beurlaubt worden. "Ich habe dann damit gerechnet, dass er nicht mehr lange Bürgermeister ist und ich auch nicht mehr auf meinem Posten", sagt Jörg K. vor Gericht.

Ob diese Erklärung sich strafmildernd auswirkt, ist zweifelhaft. Denn im Rahmen ihrer Ermittlungen hatte die Staatsanwaltschaft auch geprüft, ob K. von der GSW noch Geld zu bekommen hatte, dafür jedoch keine Grundlage gefunden.

Nächste Woche Donnerstag wird der Prozess am Landgericht Cottbus fortgesetzt. Dann will der Angeklagte auch Fragen des Gerichtes und der Staatsanwaltschaft zu seiner geständigen Aussage beantworten.

Redaktioneller Hinweis: Der Angeklagte wurde anonymisiert, weil er über Guben hinaus keine relative Person der Zeitgeschichte ist. Auch bei der üblichen Nennung von Vor- und abgekürztem Nachnamen wäre er durch seinen seltenen Vornamen leicht identifizierbar.

Redaktioneller Hinweis: In einer früheren Version wurde die Summe, des von dem Angeklagten sich selbst genehmigten Darlehens, mit 200 000 Euro bezeichnet. Das war falsch. Es handelt sich, wie jetzt korrigiert, um 20 000 Euro.