Der Regen hat zahlreiche Kerzen gelöscht, die inmitten des Blumenmeers vor der französischen Botschaft stehen. Bei einigen Briefen ist kaum mehr zu entziffern, was die Menschen Liebevolles geschrieben haben. Die Trauer konnte der Regen aber nicht wegspülen. Auch am Sonntag kommen immer noch viele auf den Pariser Platz am Brandenburger Tor, um Rosen niederzulegen oder kurz innezuhalten. "Paris, wir fühlen mit Dir. Wir lassen uns keine Angst machen", steht auf einem in Folie eingeschweißten Zettel. Angst, nein. Aber die Sorgen sind groß in Berlin. Nicht zuletzt vor der politischen Debatte, die trotz aller Mahnungen prompt entsteht.

"Wir weinen mit ihnen", hat Kanzlerin Angela Merkel am Samstagmorgen in einer kurzen Ansprache das französische Volk wissen lassen. Im Minutentakt kommen wenige Stunden später gepanzerte Limousinen zum Kanzleramt gefahren. Merkel hat ihr Sicherheitskabinett einbestellt - die wichtigsten Minister im Krisenfall: Verteidigung, Inneres, Justiz, dazu der Vizekanzler und der Kanzleramtschef. Auch hochrangige Vertreter der Sicherheitsbehörden gehören dazu. Jetzt kommt es darauf an, die Fakten zu analysieren und die Sicherheitslage in Deutschland zu bewerten. Merkel hat zudem Frankreich "jedwede Unterstützung" zugesagt. Was ist damit gemeint? "Die Dinge sind im Fluss", sagt ein hochrangiges Regierungsmitglied.

Vor allem Innenminister Thomas de Maizière rückt in den Mittelpunkt. Mit ihm hat die Kanzlerin in den vergangenen Tagen in der Flüchtlingspolitik über Kreuz gelegen. Jetzt zählen diese Scharmützel erst einmal nicht mehr. Wie hoch ist die Terrorgefahr aktuell? Gibt es Verbindungen der Attentäter in die Bundesrepublik? De Maizière berichtet später vor der Presse von einer Routinekontrolle am 5. November bei Rosenheim. Im Wagen eines Mannes aus Montenegro wird ein Waffenarsenal gefunden. Auf dem Navigationssystem des Mannes war eine Adresse in Paris eingegeben, diese stand auch auf einem im Auto gefundenen Zettel. Doch noch stehe nicht fest, so der Minister, ob es einen Zusammenhang zu der Anschlagsserie geben könnte.

Die Regierung handelt derweil weiter. Innenminister de Maizière telefoniert dem Vernehmen nach mit den Länderinnenministern, wegen der Anschläge von Paris sollen Flüchtlingsunterkünfte besser geschützt werden. Die Besorgnis ist groß in Regierungskreisen, dass Rechtsextre-misten die Attentate als Begründung für Angriffe auf Unterkünfte missbrauchen könnten. Der Terror dürfe jetzt auf keinen Fall mit der Flüchtlingsfrage verbunden werden, warnen die Verantwortlichen.

Doch in Bayern hört man diese Warnung scheinbar nicht. CSU-Chef Horst Seehofer erklärt, es müsse endlich Klarheit geschaffen werden, "wer im Land ist und wer durch unser Land fährt". Sein Finanzminister Markus Söder wird deutlicher: "Paris ändert alles", lässt er via Interview wissen. "Die Zeit unkontrollierter Zuwanderung und illegaler Einwanderung kann so nicht weitergehen." Und er mahnt die Kanzlerin: Es wäre gut, wenn sie endlich einräume, "dass die zeitlich unbefristete Öffnung der Grenzen ein Fehler war".

Widerspruch kommt aus der SPD: Flüchtlinge müssten zwar registriert und überprüft werden, doch dadurch ließen sich Attentate nicht verhindern. Im Kanzleramt will man auf die bayerische Provokation freilich nicht antworten. Aber nun ist die Debatte doch da, die man nach den Anschlägen vermeiden wollte.