Sie hat sich in eine innerkirchliche Angelegenheit eingemischt, und damit den vielen wertkonservativen, katholischen Parteigängern vor den Kopf gestoßen. Ein strategischer Fehler sei dies gewesen, sagen nun die einen. Weil Merkel sich nicht darauf beschränkt habe, den Holocaust-Leugner Williamson scharf anzugehen. Vor allem aus der CSU hört man solche Töne. Dort wird freilich gefragt, wie man überhaupt auf die Idee kommen konnte, den bayerischen Papst zu kritisieren. Es heißt, zwischen Ministerpräsident Horst Seehofer und Angela Merkel habe es schon ein klärendes Gespräch gegeben. Andere betonen indes, wenn es um den Nationalsozialismus geht, gehört es für die Bundeskanzlerin zur Staatsräson, sich zu äußern. Die Reaktion des Vatikans zeige nur, wie richtig sie gehandelt habe. Beide Seiten dürften auf ihre Weise recht haben. Der Streit um Merkels Äußerungen offenbart jedoch einmal mehr ein grundsätzliches Missbehagen bei vielen in der Union: Immer häufiger verunsichert die Kanzlerin die eigene Klientel, die laut Umfragen zunehmend bei der FDP eine neue Heimat sucht. "Wir verlieren bisherige Stammwähler, ohne neue Wählerschichten zu erschließen", hat ein prominenter Christdemokrat schon vor geraumer Zeit gewarnt. Es sei für die Menschen nicht sichtbar, ob die Partei einer Linie und Überzeugung folge. Von drei Seiten zerrt die Union an ihrer Vorsitzenden: Da gibt es den Wirtschaftsflügel, der nach vier Jahren Große Koalition seinem Frust über fehlendes Profil freien Lauf lässt: "Mir steht es hier", sagt einer mit Blick auf Mindestlohn oder Erbschaftsteuer. Dann gibt es jene, die gerade in Zeiten der Wirtschaftskrise das soziale Gewissen der CDU betont sehen wollen. Jürgen Rüttgers aus Nordrhein-Westfalen zum Beispiel. Und die Dritten - CDU-General Ronald Pofalla schreitet voran - suchen das Heil der Partei, indem sie die bürgerliche Mitte als Kelch der Weisheit vor sich hertragen, ohne genau zu definieren, was das überhaupt noch ist. Mittendrin laviert eine sozialdemokratisierte Merkel, von der man nie weiß, wofür sie eigentlich steht. Anfang des Jahres bei der Unionsklausur in Erfurt hat Merkel 15 Minuten lang den Dauermeckerer und Mittelstandschef Josef Schlarmann vor versammelter Mannschaft zusammengestaucht. Ein Zeichen sollte das sein an all die anderen Kritiker. Noch ist sie die Mächtige, die Populäre, die über den täglichen Krisen schwebt. Aber um sie herum bröckelt es.