Herr Minister, wie ist damals die Zusammenarbeit mit dem letzten DDR-Regierungschef und die Idee dazu entstanden?

Als mein Vetter Lothar de Maizière im November 1989 Vorsitzender der Ost-CDU wurde, ist er mit Beratungsangeboten aus dem Westen geradezu überschwemmt worden. Ihm war manches davon ein bisschen suspekt, und so bat er mich, ihn politisch zu beraten. Ich hatte damals bereits mehr als 25 Jahre Parteierfahrung, und er vertraute mir. Wir haben dann zusammen Wahlkampf gemacht und den großartigen Wahlerfolg bei der Volkskammerwahl im März 2010 gefeiert. Als Ministerpräsident traf mein Vetter dann die ebenso wichtige wie richtige Entscheidung, die Leitungsfunktionen nur mit Ostdeutschen zu besetzen. Ich blieb sein Berater und habe das Amt des Ministerpräsidenten mit ihm mit aufgebaut. Bis zum Schluss habe ich sämtliche Kabinettsvorlagen, die ihm vorgelegt wurden, votiert und auch die beiden Staatsverträge mit verhandelt.

Welche sachlichen Gründe gab es für die Zusammenarbeit?

Als in Westdeutschland ausgebildeter Jurist und zeitweiliger Pressesprecher des Regierenden Bürgermeisters von Berlin, Eberhard Diepgen, kannte ich mich in den staatlichen Strukturen der Bundesrepublik gut aus. Außerdem brachte ich, wie gesagt, mehr als zweieinhalb Jahrzehnte an Erfahrung mit dem Innenleben einer großen Partei mit. Und schließlich kannte mein Vetter natürlich meine Sicht der Dinge und hielt mich daher wohl für geeignet, ihm zunächst bei dem Neuaufbau der Parteistrukturen und später bei der „Herkulesaufgabe“ der Organisation des Übergangs von einem kommunistischen zu einem demokratischen Staat zu helfen.

Die Aufgabe der Regierung de Maizière war es, den Beitritt der ostdeutschen Bundesländer an die Bundesrepublik Deutschland mit allen notwendigen Schritten zu organisieren. Wie kann man sich da Ihre Aufgabe konkret vorstellen?

Die demokratisch legitimierte Regierung mit meinem Vetter an der Spitze hatte natürlich die Zügel in der Hand. Ich habe die Entscheidungen mit vorbereitet und vor allem in juristischer Hinsicht die möglichen von den unmöglichen Handlungsoptionen getrennt und dann aufgrund der jeweiligen Vor- und Nachteile Vorschläge unterbreitet. Entschieden haben aber immer die Regierungsmitglieder, die ja schließlich auch die politische Verantwortung zu tragen hatten.

Inwieweit würden Sie aus heutiger Sicht andere Empfehlungen geben?

Im Nachhinein wäre es beim Einigungsprozess sicherlich besser gewesen, nicht das gesamte westdeutsche Rechtssystem mit einem Mal auf Ostdeutschland zu übertragen. Wolfgang Schäuble hat dies in seinem Buch „Der Vertrag“ sehr gut beschrieben: Nach den Regelungen des Einigungsvertrages fand das hochkomplexe westdeutsche Wirtschafts-, Finanz-, Rechts- und Steuersystem – von einigen wenigen Ausnahmen abgesehen – von einem Tag auf den anderen in Ostdeutschland Anwendung. Ein solches Ausmaß an Bürokratie gab es zum Beispiel in den Zeiten des Wirtschaftsaufschwungs in Westdeutschland nicht. Insofern wäre es aus heutiger Sicht wohl klüger gewesen, nur einige zentrale Regelungen sofort gelten zu lassen. Das wäre dann sicher eine Zeit lang etwas improvisiert gewesen, aber auch freier.

Inwieweit gab es auch Widerstände im Kabinett, in der Volkskammer oder anderen Gremien gegen Ihre Rolle als Berater, als der Mann im Hintergrund?

Der Umstand, dass ich aus Westdeutschland stamme, spielte keine Rolle. Es gab in der unmittelbaren Wendezeit keine generellen Vorbehalte und Vorurteile aufgrund der Herkunft; ein Teil dessen, was man „Ost-Identität“ nennt, ist erst in den Jahren nach 1990 entstanden. Nein, im Gegenteil. Zunächst wurde alles, was die Westdeutschen sagten, ohne weiteres als richtig angenommen, und so war es eher an uns zu sagen: Wir brauchen auch „ostdeutsches“ Fachwissen, um beurteilen zu können, wie man die beiden Systeme mit möglich wenig Friktionen zusammenbringt. Was meine Verwandtschaft mit Lothar de Maizière angeht, so haben wir aus diesem Umstand nie einen Hehl gemacht, auch wenn ich mich damals eher im Hintergrund gehalten habe.

Nach Ihren Studienjahren in Freiburg und Münster sind Sie geografisch in Ostdeutschland zu Hause. Inwieweit hat dies bei Ihnen eine andere Sicht auf hiesige Entwicklungen und Verhältnisse bewirkt als beispielsweise bei Politikern auf Landes- und Bundesebene aus Baden-Württemberg?

Ich habe mich spätestens seit November 1989 als Brückenbauer verstanden und tue das noch heute: Zwischen „Ost“ und „West“, aber auch darüber hinaus. Ich bin in Westdeutschland aufgewachsen, habe eine Zeitlang in Süddeutschland studiert und mehrere Jahre beruflich in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern verbracht. Heute fühle ich mich politisch und persönlich als Sachse und in Dresden zu Hause; aber die vielen Stationen in meinem Leben erlauben mir immer wieder auch eine eigene Perspektive.

In der ersten Regierung von Angela Merkel, der Großen Koalition aus CDU/CSU und SPD, waren Sie Kanzleramtsminister: ein Amt, für das man das unbedingte Vertrauen des Regierungschefs braucht. Sie kennen sich aus Ihren Berater-Tagen von 1990. Merkel war damals Vize-Regierungssprecherin. Wie hat dieses enge Vertrauensverhältnis begonnen?

Kennengelernt habe ich Angela Merkel sogar schon etwas früher, nämlich Anfang 1990. Sie war Pressesprecherin des Demokratischen Aufbruchs und ich Pressesprecher des Vorsitzenden der West-Berliner CDU, Eberhard Diepgen. Kurz vor der Volkskammerwahl im März trat der damalige Vorsitzende des Demokratischen Aufbruchs, Wolfgang Schnur, aufgrund seiner Stasi-Verstrickungen zurück. Schnur hatte gegenüber Herrn Diepgen im Krankenhaus schriftlich seinen Rücktritt erklärt. Dieser Umstand musste dann an die Öffentlichkeit, und so haben Angela Merkel und ich zusammen eine Pressekonferenz organisiert. Das war unsere erste Begegnung. Als der Regierungssprecher Matthias Gehler wenig später das Presseamt aufbaute und die Position des Stellvertreters noch vakant war, habe ich ihm dann ein Gespräch mit Angela Merkel vorgeschlagen. In der Folge haben Angela Merkel und ich sehr eng zusammengearbeitet, bei den Verhandlungen zum Einigungsvertrag saßen wir nebeneinander. In jener Zeit begann auch unser großes Vertrauensverhältnis. Über alles Weitere Auskunft zu geben, möchte ich nicht. Vertrauen ist Vertrauen.

Köpfe im Kabinett de Maiziere
Lothar de Maizière (CDU) war bis zum 2.Oktober1990 der erste demokratisch gewählte und zugleich letzte Ministerpräsident der DDR, danach einige Monate Bundesminister für besondere Aufgaben. Nach Vorwürfen der Stasi-Zusammenarbeit trat er zurück. Seitdem arbeitet er in seiner Anwaltskanzlei in Berlin, spezialisiert auf Fragen zur Wiedervereinigung. Aktiv ist er zudem im deutsch-russischen Dialog der Zivilgesellschaften. 

Peter-Michael Diestel (DSU/CDU) war Innenminister und stellvertretender Ministerpräsident. In seiner Amtszeit wurde ihm verharmlosender Umgang mit dem Ministerium für Staatssicherheit und dessen Mitarbeitern vorgeworfen. Nach seiner Ministerzeit wurde er brandenburgischer Landtagsabgeordneter. Heute tritt er vor allem als Rechtsanwalt in Erscheinung, der unter anderem Ex-Stasi-Mitarbeiter und des Dopings verdächtige Sportler vertrat. 

Regine Hildebrandt (SPD) war Ministerin für Arbeit und Soziales. Im gleichen Ressort war sie danach neun Jahre lang Ministerin in Brandenburg und erwarb sich den Ruf als soziales Gewissen der SPD. „Mutter Courage“, wie sie darum auch genannt wurde, starb im November2001 an einer Krebserkrankung. Angela Merkel (CDU) war Vize-Sprecherin der letzten DDR-Regierung. Von 1991 bis 1998 war sie unter Helmut Kohl Bundesfrauenministerin beziehungsweise – umweltministerin, später CDU-Generalsekretärin. Seit April 2000 ist sie Bundesvorsitzende der CDU und seit dem 22. November 2005 deutsche Bundeskanzlerin. 

Günther Krause (CDU) war Parlamentarischer Staatssekretär, später unter anderem Bundesverkehrsminister. Neben seiner Arbeit als Unterhändler des Einigungsvertrages ist Krause vielen auch aufgrund seiner späteren Affären in Erinnerung geblieben. Die Putzfrauenaffäre um eine mit Staatsgeld bezahlte Putzhilfe führte letzlich zu seinem Rücktritt als Minister. Krause musste später seinen wirtschaftlichen Offenbarungseid leisten und wurde von mehreren Gerichten unter anderem wegen Untreue und Betrug verurteilt. Krause lebt heute in Mecklenburg als Unternehmer.

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