Die kleine Gemeinde südlich von Leipzig, die trotz jahrelangem erbitterten Widerstandes ihrer Bewohner im kommenden Jahr dem Braunkohletagebau weichen muss, verwandelte sich am Wochenende in eine bizarre Theaterkulisse. Die Schaubühne Lindenfels in Leipzig hatte an zwei Abenden mit Schauspielensembles aus Bonn und dem lettischen Valmiera in einer höchst ungewöhnlichen Theaterwanderung durch die verlassenen Straßen des Ortes das Stück "Kohlhaas im Kirschgarten" inszeniert. In dieser Adaption von Tschechows "Kirschgarten", die mit Schlüsselszenen aus dem Kleist-Werk "Michael Kohlhaas" gespickt war, ging es um Abschied, ums Sterben und um das endgültige Ende - Themen, die in Heuersdorf allgegenwärtig sind.
Die etwa 100 Zuschauer, die zumeist aus Leipzig zur der Aufführung in das 82-Seelen-Dorf gekommen waren, erlebten eine eigenwillige und eindrucksvolle Inszenierung der Regisseure René Reinhardt und Frank Heuel. Das Theater begleitet seit dem Sommer vergangenen Jahres das Sterben des Ortes. "Kohlhaas im Kirschgarten" war bereits das dritte Stück, das vor authentischer Kulisse in Heuersdorf aufgeführt wurde. "Das ist ein Versuch, dass die Leute über das Schicksal des Ortes nachdenken und es in Zusammenhänge stellen", sagte Reinhardt.
Mit der Pferdekutsche ging es zunächst vom Nachbarort Deutzen nach Heuersdorf. Dabei hörten die Theaterbesucher die Geschichte von Michael Kohlhaas, die sie bis zur Enthauptung von Kleists tragischer Figur den gesamten Abend begleitete. "Kohlhaas ist jemand, der Unrecht verspürt und vor der Entscheidung steht, was er tun soll", zieht Reinhardt Parallelen zu den Heuersdorfern, die jahrelang um den Erhalt ihres Heimatortes gekämpft und schließlich im vergangenen Jahr vor dem sächsischen Verfassungsgericht gegen die Mitteldeutsche Braunkohlengesellschaft (Mibrag) verloren haben.
Bevor jedoch die riesigen Kohlebagger anrücken, wurde der Ort erst einmal von Kohlhaas und jener russischen Familie belagert, die sich nicht von ihrem Kirschgarten trennen kann. Die ungewöhnliche Geschichte wurde von vier Schauspielern erzählt. Sie kämpften in einer alten Scheune, in den Bäumen auf dem Platz vor der Kirche, in Abrisshäusern, auf verlassenen Straßen und am romantischen Dorfteich um das, was ihnen lieb und teuer ist - ähnlich wie die Heuersdorfer es jahrelang getan haben.
Beim Wechsel der Schauplätze konnten die Zuschauer selbst in einen großen Garten gehen. Dort standen allerdings Apfel- und keine Kirschbäume. Nach einem Abstecher in das Heuersdorfer Kultur- und Gemeindezentrum, das mit seinem DDR-Charme die passende Location für eine Szene des Stückes war, führte ein nächtlicher Fackelzug vorbei an den vielen leer stehenden Häusern des Ortes. Dabei lief so manchem der Schauer über den Rücken, wirkte der Marsch doch wie ein Trauerzug.
Irgendwie waren die düsteren Themen in dem Stück ständig präsent. Gruselig wirkte auch die Szene vor dem verlassenen Gemeindeamt, an dessen Fenstern die vier Schauspieler wie erstarrt stehen bleiben und mit einem Sprechgesang Abschied vom Kirschgarten nehmen. Unten schauten die Zuschauer mit Fackeln in der Hand andächtig zu.
Das Ende bildet ein eindrucksvolles Finale am kümmerlich beleuchteten Dorfteich: Mit einem qualmenden Boot fahren die Mimen auf dem Wasser, als plötzlich der Strommast am Ufer mit einem lauten Knall in die Luft fliegt und die erschrockenen Zuschauer jäh aus ihren romantischen Träumen gerissen werden. Dann erst ist die theatralische Sterbebegleitung für Heuersdorf zu Ende. Die Gäste der alles andere als gewöhnlichen Aufführung haben am Ende die Möglichkeit, ihre Eindrücke beim anschließenden "Leichenschmaus" im Feuerwehrhaus zu verarbeiten.