Herbert Grönemeyer nannte seine letzte Tournee "Schiffsverkehr". Auf Konzertreise mit einem Schiff war er hingegen noch nicht. Das unterscheidet ihn von einigen anderen Künstlern, denn längst wird auch auf hoher See fleißig gerockt. Im Mai ging erstmals sogar das deutsche Wacken-Festival auf große Fahrt. Auf der einwöchigen Reise von England nach Hamburg an Bord waren rund zwanzig Bands und 2000 Fans. Vor den Metalrockern schipperten aber längst schon die Wiener Philharmoniker, Schlagerkönigin Helene Fischer oder Deutschrockveteran Udo Lindenberg zur Unterhaltung der Schiffspassagiere über die Meere.

Inzwischen dürfte auch dem letzten deutschen Landei klar sein, dass Kreuzschifffahrt und Live-Unterhaltung gemeinsam völlig neue Bahnen ziehen. Vorbei die Zeiten, als kreuzfahrende Säuselbarden wie der junge Silvio Berlusconi den skurrilen Ruf der Bordunterhaltung prägten. Heute heißt das professionalisierte Gewerbe Schiffsentertainment, und ein bedeutender Produktionsstandort dafür liegt an einem Ort, an dem es zwar Fischrestaurants und sogar eine Hafenbar gibt, aber kein maritimes Flair: Berlin-Mitte, Ecke Gendarmenmarkt. Dort wird in einem Bürohaus das Entertainment für zwei Schiffe des TUI-Konzerns produziert.

Die beiden Leiter Thomas Schmidt-Ott und Wolfram Korr sind schon seit vielen Jahren Profis in puncto Unterhaltung auf den Meereskreuzern. Um die Jahrtausendwende begannen sie mit ihrer Soko Arts, Events & Entertainment GmbH so genanntes "Culturtainment" anzubieten, sprich Kulturprogramme als Kundenevents für Unternehmen, Theater, Musikbetriebe, Tourismus und auch für die Politik. 2008 wurde daraus die Entertainmentabteilung von TUI-Cruises. Der Cellist, promovierte Wirtschaftswissenschaftler und Kulturmanager Schmitt-Ott kümmert sich als Produzent vor allem um die Gesamtplanung und wirtschaftlichen Belange. Sein Kollege Wolfram Korr verantwortet als Künstlerischer Leiter die künstlerische Ausgestaltung der Shows.

"Carmina Burana" neu

In Cottbus ist sein Name noch wohlbekannt, denn der gebürtige Westfale war von 2002 bis 2008 Erster Konzertmeister am Staatstheater. 2005 wirkte Wolfram Korr auch an einer spektakulären Aufführung mit, der Neufassung der "Carmina Burana" durch die Mittelalterband Corvus Corax zusammen mit dem Philharmonischen Orchester und dem Opernchor des Staatstheaters. Stolz berichtet er, dass er als erster Geiger jener "Cantus Buranus" auch mit auf der Bühne des weltberühmten Wacken Open Air stand. Wenn Wolfram Korr über Unterhaltung für ein ebenso breites wie spezielles Publikum redet, weiß er also aus eigener Erfahrung, wovon er spricht.

Sein Verständnis von Bordunterhaltung erklärt er ebenso selbstbewusst wie unmissverständlich: "Wir machen keine Animation auf unseren Schiffen, sondern hochwertiges Entertainment. Selten war auf Kreuzfahrtschiffen ein größeres und bühnenerfahreneres Team aus Choreografen, Regisseuren, Kostümbildnern unterwegs, um die Shows einzustudieren."

Auf den beiden TUI-Kreuzern "Mein Schiff 1" und "2" gibt es Theatersäle mit über tausend Plätzen. Wolfram Korr weiß, die technische Ausstattung der Bühnen würde viele Intendanten mittelgroßer Theater "neidisch werden lassen, denn wir verfügen über eine Drehbühne, inklusive einer Top-Soundanlage und imposanten Led-Wand". Hinter dem teuren Equipment stehe auch der Anspruch, vollwertiges Theater zu bieten. Wenn 2014 das Schiff "3" in einer finnischen Werft vom Stapel laufen wird, kommt damit auch der größte Theaterneubau im deutschsprachigen Raum zur Einweihung. Kreuzfahrtschiffe-Hersteller haben die klassischen Theaterhäuser längst als größte Kunden von Bühnentechnik abgelöst.

100 Prozent Auslastung

Spitzentechnik, Top-Choreografen, -Regisseure, und -Künstler seien unabdingbar, weil man auf einem Schiff letztlich allein an der Gästezufriedenheit gemessen werde, sagt Wolfram Korr. Die Ansprüche des "entertainment- und theateraffinen Publikums", das ein bis zwei Wochen an Bord verbringt, seien hoch. "Aber wir haben 100 Prozent Auslastung bei den Shows vor jeweils über 1000 Zuschauern". Im Unterschied zu einer Veranstaltung an Land besteht die besondere Herausforderung auf See nicht darin, das Publikum in die große Abendshow hineinzubekommen, sondern sie dort festzuhalten. "Da die Besucher keinen Eintritt bezahlen, haben sie auch keinerlei Hemmungen zu gehen, wenn es ihnen nicht gefällt", so Wolfram Korr. "Man muss Qualität und Unterhaltungswert in einer Dichte produzieren, die das Publikum jederzeit fesselt. Durststrecken können wir uns schlichtweg nicht erlauben."

Das sei insofern nicht immer einfach, weil man Zuschauer bediene, die zwischen fünf und 80 Jahre alt seien. Mit den Theatershows versuche man deshalb einen Mix zu erstellen, der für jeden etwas biete. "Musical ist ein bisschen die Klammer in der Bordunterhaltung, unsere Musicalgalas sind sehr erfolgreich." Auch die meisten Bühnendarsteller sind laut Wolfram Korr Sänger und Tänzer aus dem internationalen Musicalbereich. Zum Ensemble gehörten zudem deutschsprachige Schauspieler und Artisten aus aller Welt.

Am Soko-Standort in Berlin-Mitte arbeiten 17 feste Mitarbeiter, dazu ein Dutzend Freie. Im Haus gibt es eine große Schneiderwerkstatt und einen Ballettsaal für die Tänzer, die über eine eigene Castingabteilung bei Auditions in Rom und Madrid gecastet werden. Insgesamt sind 40 Bühnenkünstler, Musiker und Techniker unter Vertrag, die drei bis fünf Monate auf einem Schiff bleiben. Die Shows laufen dort zwei bis drei Jahre. Für die Künstler, so Korr, heißt das während ihrer zweimonatigen Ausbildung im Berliner Haus "von morgens bis abends proben".

Einen Mangel an Bewerbern gibt es trotz oder sogar wegen des hohen Anspruchs nicht. Zudem macht sich auch hier bemerkbar, dass die Attraktivität des Livegeschäfts für die Künstler enorm zugenommen hat. Das betrifft sowohl prominente Musiker, Comedians und Schauspieler wie Veronika Ferres und Hannelore Elsner, die in speziellen Shows zu sehen sind, als auch weniger bekannte.

Kreuzfahrtboom

Der Seegang der Künstler dürfte anhalten, da kein Ende des Kreuzfahrtbooms absehbar ist. 20 Prozent der Deutschen können sich einen Kreuzfahrturlaub vorstellen. "Unser Markt hat zweistellige Wachstumsraten und wir gehen davon aus, dass der deutsche Markt weiter wächst. Da ist also noch viel Musik drin!", glaubt Wolfram Korr.

Das gilt im direkten Sinne auch auf andere Weise. Jedes Kreuzfahrtschiff hat nämlich seine eigene Hymne. So sang Anna Netrebko 2009 bei der Taufe von "Mein Schiff 1" den ihm gewidmeten Song "Ocean of Love". Es war nicht nur das erste Mal, dass die Operndiva überhaupt einen Popsong eingesungen hatte. Sie soll auch sehr überrascht gewesen sein, wie aufwendig die Schiffshymne in den Londoner Abbey Road Studios produziert wurde. Auch "Mein Schiff 2" wurde 2011 mit einem Lied getauft: "Große Freiheit" von Unheilig. Den Song ließ das Kreuzfahrtunternehmen eigens mit einem Neuarrangement von James Last einspielen.