Volker Rennert aus Lübbenau (Oberspreewald-Lausitz) traut sich derzeit kaum auf die Straße. Er fürchtet sich vor einem Unfall oder dass ihn verspätete Grippeviren packen. "Ich muss höllisch aufpassen, damit ich nicht zum Arzt muss", sagt er verunsichert. "Ich bin doch gar nicht krankenversichert." Ohne Schuld ist er aus dem gesetzlichen Versicherungsschutz herausgefallen. Das macht dem 57-Jährigen Angst. "Ich hätte nie gedacht, dass ich einmal in eine solche Situation gerate", schiebt er leise, geradezu verschämt, nach. Schließlich sei er bekannt wie ein bunter Hund in der gemütlichen Spreewaldstadt, hat sich politisch engagiert und in Vereinen gewirbelt. "Ich habe Zukunftsangst und fühle mich gedemütigt, weil ich das wie einen sozialen Erdrutsch empfinde." Die ScheidungDer Lübbenauer war seit einiger Zeit privat krankenversichert. Seine Ex-Frau konnte ihn als Beamtin bei der Bayrischen Beamtenkrankenkasse, einer privaten Versicherung, günstig mitversichern. "Ich war arbeitslos geworden, und bei nur einem Einkommen mussten wir rechnen", erzählt der ehemalige Baumaschinist den Grund seines damaligen Wechsels von der AOK zur Privatversicherung. Mit der Scheidung im letzten Sommer allerdings endete für ihn auch die private Krankenversicherung. Er wollte in die gesetzliche Krankenkasse (GKV) zurück. Mit der Arbeitsbeschaffungsmaßnahme (ABM), die er zu dieser Zeit aufnahm, sollte die Rückkehr vollzogen werden. "Sowohl der Träger der ABM als auch das Lübbenauer Jobcenter sagten, alles würde seinen Gang gehen." Empfänger von Arbeitslosengeld II (Alg II) werden schließlich üblicherweise von der Arge - den Arbeitsgemeinschaften aus jeweiligen Kommunen und Arbeitsagenturen - krankenversichert. Doch für Rennert kam mit einem AOK-Brief das böse Erwachen. Statt der erwarteten Chipkarte steckte diese Nachricht drin: Die AOK lehnt ab, Volker Rennert zu versichern. Nach dem Gesundheitsreformgesetz sei das unmöglich. Dabei wurde mit der Gesundheitsreform 2007 beschlossen, dass in Deutschland niemand mehr ohne Krankenversicherung bleiben muss. Ein Segen für etwa 200 000 Menschen, die bislang ohne Versicherungsschutz lebten. Allerdings verwehrt das Gesetz auch über 55-Jährigen oder arbeitslos gewordenen Selbstständigen, die vorher privat versichert waren, die Rückkehr in die gesetzliche Kasse. Sie müssen in ihre vorhergehende private Krankenversicherung (PKV) aufgenommen werden. Zum Basistarif verpflichtetDiese müssen dafür einen Basistarif anbieten. Der beträgt in allen privaten Krankenversicherungen für Erwachsene über 21 Jahre knappe 570 Euro. Risikozuschläge für Alter und Krankheit dürfen nicht erhoben werden. Der Tarif ist teuer, er entspricht dem Höchstbetrag der gesetzlichen Krankenkassen. Von Behörde zu BehördeFür Volker Rennert heißt das konkret: Die Bayrische Beamtenkrankenkasse muss ihn zwar im Basistarif versichern. Aber er kann das Geld dafür gar nicht aufbringen. Während seiner kurzen ABM - die er ohne Versicherung und zu seinem Glück auch ohne Krankheit überstand - hatte er Hilfe gesucht und wurde vom Jobcenter zum Sozialamt, von der AOK bis zur unabhängigen Patientenberatung gereicht. Eine für ihn bezahlbare Krankenversicherung bekam er dabei nicht. Von seinem Arbeitslosengeld II - 351 Euro Regelleistung, dazu 150 Euro für Wohnen und Unterkunft - kann er 570 Euro Krankenversicherung im Monat nicht bezahlen. Mit seinem Kummer ist Rennert nicht allein. Auch einige Selbstständige verdienen so wenig, dass sie den Beitrag nicht aufbringen können. Etwa 100 000 Frauen und Männer könnten betroffen sein, schätzt Stephan Caspary vom Bundesverband der privaten Krankenversicherungen. Das zumindest ist die Zahl der selbstständig erwerbstätigen Bezieher von Arbeitslosengeld II. Manche rettet das: Bei amtlich bescheinigter Hilfebedürftigkeit kann der Basistarif noch einmal halbiert werden. Damit sinkt der Beitrag auf 285 Euro, Pflegeversicherung noch nicht mitgerechnet. Für Alg II-Empfänger zahlt die Arge, so Hans-Jörg Milinski vom Jobcenter des Oberspreewald-Lausitz-Kreises, den auch für gesetzlich Versicherte üblichen Satz von etwa 130 Euro zur Krankenversicherung dazu. Doch die etwa 155 Euro Rest sind für Betroffene wie Volker Rennert immer noch zu viel. "Ich hätte, alle notwendigen Ausgaben abgezogen, noch 55 Euro zum Leben - wie soll das gehen", fragt er ratlos. Recht auf BehandlungDas weiß man auch im Gesundheitsministerium nicht. "Für auftretende Restbeträge besteht derzeit keine eindeutige Regelung bezüglich der Tragung", formuliert man dort recht umständlich. Die Regierungsparteien haben sich darüber bisher nicht einigen können. Jetzt müssen Arbeits- und Gesundheitsministerium beraten, wie die Gesetzeslücke geschlossen werden kann, sagt Ina Klaus vom Bundesgesundheitsministerium. Bis dahin gibt sie einen Rat: Das verfassungsrechtlich garantierte Existenzminimum des Bedürftigen - wozu auch eine Versorgung im Krankheitsfall auf dem Niveau der gesetzlichen Krankenversicherung gehört - dürfe nicht angegriffen werden. Einfach gesagt: Rennert muss vollwertig medizinisch behandelt und versorgt werden, auch wenn nur die 130 Euro von der Arge in die Kasse eingezahlt werden. So die Theorie. In der Praxis steht der Kranke verschämt vorm Anmeldetresen. Ärzte fürchten, dass ihnen ihre Leistungen nicht erstattet werden. Auch die privaten Krankenkassen knirschen mit den Zähnen. Sie wollen sich ungern die damit verbundenen sozialen Lasten aufbürden lassen und haben Verfassungsbeschwerde gegen den Basistarif eingereicht.