Der 21-jährige Libanese, der definitiv als Täter gilt, hat seit Februar 2005 im beschaulichen Stadtteil Projensdorf in einem Studentenwohnheim gelebt. Stundenlang durchsuchten Beamte am Samstag das Gebäude des Mechatronik-Studenten; gestern setzten BKA-Leute Spurensicherung und Befragungen fort.

"Ich habe ihn nie gesehen."
Im 1. Stock liegt die über Nacht versiegelte Wohnung, "Youssef" steht zwischen Mitbewohnernamen in krakeliger Schrift auf einem Zettel. Das ist auch der Vorname, den Generalbundesanwältin Monika Harms genannt hatte. Darüber ein Aufkleber mit der Aufschrift "ZAFAS" - ausgeschrieben "Zentrale Anlaufstelle für allen Scheiß". Das heruntergekommen wirkende Wohnheim ist am Vormittag wie ausgestorben, an der Uni sind Semesterferien. Zwei Polizisten stehen am Eingang, in der Küche spült eine junge Frau eine Pfanne. Sie habe den Libanesen nicht gekannt. "Ich habe ihn nie gesehen."
Anwohner mögen nicht glauben, dass sie einen Terroristen zum Nachbarn gehabt haben sollen. "Das war ein Schreck", sagt eine Studentin, die nur wenige Häuser weiter wohnt. In der Nähe durchsuchen Taucher einen Teich nach Dingen, die mit Anschlägen zu tun haben könnten. Sie finden außer einem Computergehäuse nicht viel.
Der nach Kiel geeilte BKA-Präsident Jörg Ziercke freut sich über die schnelle Festnahme. Erst am Freitag hatte das BKA Aufnahmen einer Videokamera der beiden Männer veröffentlicht, die am 31. Juli im Kölner Hauptbahnhof Kofferbomben in zwei Regionalzügen deponiert haben sollen. "Verunsicherung und Fahndungsdruck" hätten zu dem schnellen Erfolg geführt, bilanzierte der BKA-Chef. Hinweise aus der Bevölkerung habe es nicht gegeben.
Die denkwürdigen Ereignisse des Wochenendes beginnen noch in der Nacht zu Samstag gegen vier Uhr - ein Regionalzug, der nach Hamburg fahren soll, wird gestoppt. Ein 20-Jähriger aus Schönberg bei Kiel war auf dem Weg zur Arbeit. "Plötzlich kam eine Durchsage, dass wir den Zug wieder verlassen sollen", berichtet er. "Auf dem Bahnsteig lagen zwei Männer in Handschellen auf dem Boden." Später wird bekannt, wer der eine war. Der zweite Mann hat mit der ganzen Sache nichts zu tun. Beamte hätten Mülleimer und Gepäckstücke durchsucht, schildert der Augenzeuge weiter.
Wer Samstagmorgen Kiel per Bahn verlassen will, wird von weiß-rotem Flatterband rund um den Bahnhof angehalten. Kein Reisender darf hinein. Der Zugverkehr ist lahmgelegt. Ungewisse Spannung liegt in der Luft. Ein Schweriner hat gerade sein Kreuzfahrtschiff verlassen und will zum Zug. Die Urlaubsidylle ist für ihn abrupt vorbei. "Das hängt bestimmt mit unserer Außenpolitik zusammen", glaubt er.

Ermittler sichern letzte Spuren
Kurz vor neun öffnet die Polizei wieder die Eingänge zum Bahnhof; die Wartenden strömen hinein, Halle und Bahnsteige füllen sich. Nur Gleis drei und vier darf vorerst niemand betreten: Hier sollte der Zug nach Hamburg abfahren, der gegen vier gestoppt wurde. Mit geöffnetem Kofferraum steht noch Stunden später ein dunkelblaues Auto auf dem Bahnsteig. In einem kleinen Pavillon durchsuchen Ermittler in weißen Overalls Gepäckstücke. Sprengstoff etwa finden sie nicht.
Kurz nach neun rollen wieder Züge. Geschäfte öffnen, Reisende kaufen Zeitschriften oder Orangensaft. Fast wirkt es, als wäre nichts gewesen. Nur der Blick auf die weiterhin gesperrten Bahnsteige drei und vier verrät zunächst noch, dass dies kein normaler Samstagmorgen war. Ermittler sichern letzte Spuren, ab zehn kehrt Alltag ein.
Das Aufatmen ist nur kurz, als die Durchsuchung in Projensdorf bekannt wird. Die Hoffnung, der mutmaßliche Attentäter möge nicht von hier sein, hat sich zerschlagen. Binnen sechs Wochen ist Kiel nunmehr zum zweiten Mal im Zusammenhang mit dem Anti-Terror-Kampf in den Schlagzeilen.