Mounir El Motassadeq steht seit Oktober vergangenen Jahres in Hamburg vor Gericht. Morgen soll das Urteil gesprochen werden.Für die drei Anklagevertreter um Bundesanwalt Walter Hemberger ist El Motassadeq überführt. Er war "ein Rädchen im Getriebe" der Terrorzelle und "kannte die Grundzüge der Tat, die auf die Tötung möglichst vieler Menschen abzielte", sagten sie in ihrem Plädoyer und forderten die Höchststrafe von 15 Jahren. Die Verteidiger Hans Leistritz und Hartmut Jacobi sprachen dagegen von "Vermutungen, Behauptungen und Interpretationen" und verlangten einen Freispruch.
Nach ihrer Darstellung wurde im Gericht in den vergangenen Monaten oft aneinander vorbeigeredet. "Der Gegensatz der Aussagen arabischer und deutscher Zeugen zeigte: Da prallen kulturelle Gegensätze aufeinander", meinte Leistritz. Deutsche bezeichneten den Angeklagten als verbohrten Fundamentalisten, glühenden Antisemiten und politischen Extremisten, der alles an Amerika ablehne. Araber beschrieben ihn dagegen so, wie er sich auch selbst vor Gericht gab: als ruhigen, hilfsbereiten Freund, der sich stets tolerant zeigte.

Anwalt beklagt Unverständnis
Anwalt Jacobi beklagte das Unverständnis vieler Nicht-Moslems für eine andere Kultur. Wer fünf Mal am Tag bete und Alkohol ablehne, sei für viele schon ein fanatischer Moslem. Ein früherer Vermieter des Angeklagten hatte bei der Polizei noch gesagt, der Marokkaner habe ihm erklärt, er würde auch seine Familie töten, wenn es der Glauben von ihm verlange. Vor Gericht räumte der Deutsche dann ein: "So krass hat er das wohl nicht gesagt."
Ein Mitbewohner in einem Hamburger Studentenwohnheim will von El Motassadeq gehört haben: "Die Juden werden brennen und wir werden auf ihren Gräbern tanzen." Aufgebracht erwiderte der 28-Jährige dem Zeugen: "Das ist überhaupt nicht mein Stil." Ein sudanesischer Zeuge nannte den Angeklagten den stets hilfsbereiten "Mann mit dem großen Herzen", der auf dem Boden schläft und Gästen sein Bett anbietet.

Kulturelle Missverständnisse
Auch bei den von der Bundesanwaltschaft vorgelegten Belegen werden laut Verteidigung kulturelle Missverständnisse deutlich. Zwar unterzeichnete der Angeklagte das Testament Attas, doch das sei - anders als in Europa - eine Sache von nur allgemeiner Bedeutung. Auch wurde Geld vom Hamburger Konto des Luftpiraten Marwan Alshehhi in die USA überwiesen, für das El Motassadeq eine Vollmacht hatte. Der Angeklagte nannte das aber einen "normalen Hilfsdienst unter Freunden".
Auch seine Militärausbildung in einem afghanischen Trainingscamp habe nichts mit der Vorbereitung auf einen Heiligen Krieg zu tun. "Das ist wie die Bundeswehr in Deutschland", beteuerte El Motassadeq und erntete dafür ungläubiges Kopfschütteln bei den Anklagevertretern. Staatsanwalt Matthias Krauß hielt dagegen: Der Angeklagte habe im Prozess oft gelogen und sei nicht der friedliche fromme Moslem, als der er sich hier darstelle. El Motassadeq habe die "radikal-fundamentalistischen Ansichten" der Todespiloten geteilt.
Die Verteidigung sprach von einem "rechtsstaatswidrigen Verfahren". Dem Gericht sei entlastendes Material vorenthalten worden. Der von den USA festgenommene mutmaßliche Terrorist Ramzi Binalshibh hätte aussagen können, dass die Anschläge nicht von Hamburger Freunden ihres Mandanten, sondern von Al-Qaida-Leuten in Afghanistan organisiert worden seien. US-Behörden verhinderten eine Zeugenaussage Binalshibhs und die Bundesregierung blockierte die Übergabe seiner Vernehmungsprotokolle an das Gericht. "Man opfert den Angeklagten auf dem Altar der Staatsräson", kritisierte Leistritz.

Angeklagter beteuert Unschuld
Der Angeklagte hatte stets seine Unschuld beteuert. In seinem Schlusswort sagte er: "Im Prozess war die schwerste Stunde für mich das Erscheinen der Hinterbliebenen der US-Terroropfer als Nebenkläger und ihre Berichte. Sie haben mich angesehen, als ob ich verantwortlich bin für das, was sie erlitten haben und ich konnte ihnen nicht sagen, dass ich unschuldig bin an ihrem Leid."

Stichwort Die Hamburger Terrorzelle
 Schon zwei Tage nach den verheerenden Anschlägen vom 11. September 2001 in den USA führten Spuren nach Hamburg. Drei der vier in den USA entführten Flugzeuge wurden von Terroristen gelenkt, die in Hamburg ein unauffälliges Leben als so genannte Schläfer geführt hatten: Mohammed Atta, Marwan Alshehhi und Ziad Jarrah. Um Atta, den mutmaßlichen Kopf der Entführer hatte sich nach Erkenntnissen der Bundesanwaltschaft eine Terrorzelle gebildet, die an Planung und Ausführung der Terroranschläge beteiligt war.
Die mutmaßlichen Mitglieder der Gruppe um Atta: Mounir El Motassadeq (28), Student aus Marokko, war mit den Todespiloten befreundet. Er wohnte mit Frau und Kind in der Nachbarschaft der Atta-Gruppe.
Mohammed Atta , geboren am 1. September 1968 in Ägypten, gilt als Kopf der Hamburger Terrorzelle.
Marwan Alshehhi , geboren am 9. Mai 1978 in den Vereinigten Arabischen Emiraten, war vermutlich Pilot der Maschine, die den Südturm des WTC traf.
Ziad Jarrah , geboren am 11. Mai 1975 im Libanon, war vermutlich Pilot der bei Pittsburgh abgestürzten Maschine.
Ramzi Binalshibh , geboren am 1. Mai 1972 im Jemen, wurde am 11. September 2002 in Karatschi (Pakistan) festgenommen. Er gilt als Organisator, "Bankier" der Gruppe und einer der engsten Vertrauten Attas.
Said Bahaji , geboren am 15. Juli 1975 in Haselünne (Niedersachsen), gilt als Cheflogistiker der Gruppe und soll seit 1999 die Anschläge mit geplant haben.
Zakariya Essabar , geboren am 3. April 1977 in Marokko, kam 1997 nach Deutschland, besuchte in Köthen (Sachsen-Anhalt) eine Fachhochschule und studierte seit 1998 in Hamburg Medizintechnik.
Der Deutsch-Syrer Mohammed Haidar Zammar gilt als Statthalter bin Ladens in Hamburg. Er soll Atta und Komplizen in Hamburg für Al Qaida rekrutiert haben.