Der Westen, so warnte Tony Blair noch vor wenigen Tagen, sei mit einem „vollständig unkonventionellen Krieg konfrontiert“ , mit einem nahezu „weltumspannenden Extremismus.“ Jetzt, gut ein Jahr nach den verheerenden Anschlägen vom 7. Juli 2005 auf Londoner U-Bahnen, herrschen in Großbritannien wieder Terrorfurcht und Entsetzen. Zwar ist keine Bombe explodiert, doch die Vorstellung macht Angst: Über den Wolken zünden Selbstmordattentäter einen neuartigen, hochexplosiven Flüssigsprengstoff. Ein „Massenmord von unvorstellbarem Ausmaߓ wurde nach den Worten des stellvertretenden Scotland Yard-Chef Paul Stephenson durch den groß angelegten Einsatz von Spezialkommandos verhindert. Wenn es den Terroristen gelungen wäre, tatsächlich einen Sprengstoff in zehn Flugzeuge zu schmuggeln, die Komponenten dort zusammenzufügen und simultan explodieren zu lassen, dann hätte sich dieser Tage eine Katastrophe ähnlich jener vom 11. September 2001 ereignet. „Das Vereinigte Königreich ist auf dem höchstmöglichen Niveau der Terrorwarnung angekommen“ , teilte Innenminister John Reid mit. Die Menschen wissen, was die Alarmstufe „Critical“ bedeutet: Die Gefahr eines verheerenden Anschlags ist akut.

Verständnis für Kontrollen
Zwar sind mehr als 20 Tatverdächtige festgenommen, doch die Fahndungen in vielen Teilen des Landes machen deutlich: Noch könnte es Terrorzellen geben, die zuschlagen. Wenn nicht in Flugzeugen, dann vielleicht wieder in der U-Bahn oder in Bussen oder öffentlichen Gebäuden. „Wir müssen lernen, mit der Angst zu leben“ , sagt eine am Flughafen Heathrow gestrandete Frau. Wie die meisten hat sie bei allem Ärger über ihren gestrichenen Flug Verständnis für die Sicherheitsvorkehrungen.
Auch die Polizeipräsenz in der Londoner U-Bahn und auf den Bahnhöfen ist verstärkt worden. Spezialkräfte mit Sprengstoffspürhunden sind im Einsatz. Wer kann, bleibt zu Hause. „Das ist doch einfach furchtbar“ , sagt ein älterer Mann am Victoria-Bahnhof. Dass jemand Sprengstoff in Shampooflaschen in ein Flugzeug schmuggeln und explodieren lassen könnte, ist für ihn der reine Horror.
Peter Clarke, Chef der Anti-Terrorabteilung von Scotland Yard, bleibt ruhig. Zum Zugriff in der Nacht hätten sich die Experten des Yard und des Geheimdienstes MI5 entschlossen, weil „ein kritischer Punkt erreicht“ worden sei. Genauer könne er nicht werden, bei diesem „sehr frühen Stadium der Ermittlungen“ . Als sicher könne aber gelten, dass der Sprengstoff „im Vereinigten Königreich hergestellt werden sollte“ . Dass die potenziellen Selbstmordattentäter ebenso in Großbritannien aufwuchsen wie die Terroristen vor einem Jahr in London, sorgt für Beunruhigung. In politischen Kreisen Londons wird wieder eine Frage heiß diskutiert: Führen der Einsatz britischer Soldaten an der Seite von US-Streitkräften im Irak und in Afghanistan sowie Blairs politische Treue zu Bush zur Radikalisierung von Teilen der muslimischen Bevölkerung?

Warnung vor Vorverurteilung
Stephenson warnt: Es gehe nicht um Großbritanniens Muslime, sondern um „einige Leute, die sich hinter einem bestimmten Glauben nur verstecken“ . Diskutiert wird auch, warum die Massenfestnahmen gerade jetzt erfolgten. Der sicherheitspolitische Korrespondent der BBC, Gordon Corera, sagt, dass Terrorismusbekämpfer einem möglichen Coup zur Sprengungen von Flugzeugen seit Monaten auf der Spur seien. Es sei nicht so, dass Anschläge exakt für den 10. August geplant wurden, sondern „möglicherweise in ein oder zwei Wochen“ .