| 02:40 Uhr

Terror in Spanien: Imam unter Verdacht

Schwer Bewaffnete stehen während einer Messe zum Gedenken der Opfer des Terroranschlags vor der Basilika La Sagrada Familia in Barcelona.
Schwer Bewaffnete stehen während einer Messe zum Gedenken der Opfer des Terroranschlags vor der Basilika La Sagrada Familia in Barcelona. FOTO: dpa
Barcelona. Während Barcelona um die Anschlagsopfer trauert, sucht die spanische Polizei noch immer nach den Schlüsselfiguren der Attacken. Sind sie möglicherweise schon tot? Es soll eine neue Spur geben, heißt es vonseiten der Ermittler. Klaus Blume und Carola Frentzen /

Drei Tage nach der Terrorattacke von Barcelona mit mehr als einem Dutzend Toten haben die Ermittler in Spanien weiter nach dem Fahrer des Anschlagswagens gefahndet. Medienberichten zufolge gilt der 22-jährige Marokkaner Younes Abouyaaqoub als Hauptverdächtiger. Allerdings konnte Polizeichef Josep Lluis Trapero am Sonntag nicht bestätigen, dass Abouyaaqoub den Lieferwagen tatsächlich gesteuert hat.

Bei dem Anschlag auf der Flaniermeile Las Ramblas waren am Donnerstag mindestens 13 Menschen getötet worden. Wenige Stunden später starb zudem eine Frau in der südlich gelegenen Küstenstadt Cambrils, wo offenkundig ein weiterer Anschlag vereitelt wurde. Die Frau wurde von Verdächtigen auf der Flucht überfahren.

Auch ein nach dem Anschlag vermisster kleiner australischer Junge ist tot. Die katalanischen Notfalldienste teilten gestern mit, sie hätten den Siebenjährigen als eines der Opfer der Todesfahrt auf dem Boulevard "Las Ramblas" identifiziert.

Über Twitter erklärten die Sicherheitskräfte gestern, es gebe eine neue Spur. "Wir sind sehr nah an einer Person dran, die mit beiden Attentaten in Verbindung steht." Welche Rolle diese genau gespielt haben könnte, blieb zunächst aber offen.

Die Behörden gehen davon aus, dass die Attacken in Barcelona und Cambrils von einer islamistischen Terrorzelle mit zwölf Mitgliedern verübt wurden. Fünf mutmaßliche Terroristen wurden in Cambrils erschossen, vier festgenommen. Die Identität von drei weiteren ist geklärt. Nach ihnen werde gefahndet, sagte Trapero. Es könnte aber sein, dass zwei von ihnen bereits tot seien, da nach einer Explosion am Mittwoch in den Trümmern eines Hauses in Alcanar die Überreste von mindestens zwei Menschen gefunden worden seien.

Im Zusammenhang mit dem Anschlag in Barcelona und dem vereitelten Angriff in Cabrils wird auch die Explosion in Alcanar gesehen. Die Beamten vermuten, dass die Gruppe dort Sprengstoff lagerte und ein oder mehrere noch größere Attentate als in Barcelona vorbereitete.

Neben dem mutmaßlichen Terror-Fahrer Abouyaaqoub richtet sich die Aufmerksamkeit der Ermittler auch auf einen Imam, bei dem es sich um den Kopf der Zelle handeln soll. Abdelbaki Es Satty predigte bis Juni in der Moschee der Ortschaft Ripoll rund 100 Kilometer nördlich von Barcelona. Er verbüßte eine vierjährige Haftstrafe wegen Drogenhandels und soll auch Kontakte zu den Verantwortlichen der Zuganschläge 2004 in Madrid gehabt haben, wie die Zeitung "El País" berichtete. Ob der Geistliche noch am Leben ist, ist unklar. Möglicherweise kam er bei der Explosion in Alcanar ums Leben.

In der Basilika Sagrada Familia in Barcelona wurde gestern mit einer Trauerfeier der Terroropfer gedacht. An der Messe in dem weltberühmten, von Antoni Gaudí entworfenen Gotteshaus nahmen auch das spanische Königspaar Felipe VI. und Letizia, Ministerpräsident Mariano Rajoy, der portugiesische Präsident Marcelo Rebelo de Sousa teil. Erzbischof Juan José Omella verlas eine Botschaft von Papst Franziskus, in der dieser Angehörigen und Verletzten sein Beileid aussprach.

Die Mutter des Hauptverdächtigen Abouyaaqoub appellierte an ihren Sohn, sich zu stellen. "Mir ist es lieber, er kommt ins Gefängnis, als dass er stirbt", sagte sie bei einer Versammlung der muslimischen Bewohner von Ripoll.

Zwei Tage nach dem Attentat lagen noch 54 Terroropfer verletzt im Krankenhaus, wie die katalanischen Notfalldienste mitteilten. Zwölf Patienten seien in kritischem Zustand, 25 weitere schwer verletzt - darunter viele Ausländer.

Nach Angaben des Auswärtigen Amts wurden 13 Deutsche verletzt, zwei davon lebensgefährlich. Eine der beiden Frauen sei in einem extrem kritischen Zustand.

Die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) reklamierte die Angriffe in Spanien für sich. Mehrere Glaubenskämpfer hätten sie ausgeführt und "Kreuzfahrer" ins Visier genommen, teilte der IS im Internet mit. Die Echtheit der Erklärung ließ sich zunächst nicht eindeutig verifizieren.

Der spanische König Felipe VI. und seine Frau Letizia legten am Samstag am Ort des Terroranschlags von Barcelona ebenso Blumen nieder wie der deutsche Außenminister Sigmar Gabriel (SPD). Rund 200 Muslime marschierten unter dem Motto "Wir sind Muslime, keine Terroristen" über die Ramblas.

Der Anschlag von Barcelona entfachte in Deutschland die Debatte um die Sicherung von Großstädten vor Attacken mit Fahrzeugen neu. Der Deutsche Städtetag unterstützte die Forderung von Mecklenburg-Vorpommerns Innenminister Lorenz Caffier (CDU), Innenstädte durch bauliche Maßnahmen wie Poller besser zu schützen. Hauptgeschäftsführer Helmut Dedy, warnte jedoch, sich bei der Stadtgestaltung von der Gefahr bestimmen zu lassen.

Zum Thema:
Russische Behörden sehen eine Messerattacke mit sieben Verletzten in der sibirischen Stadt Surgut nicht als Terroranschlag an, obwohl die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) die Tat für sich reklamiert hat. "Die Ermittler untersuchen alle möglichen Versionen des verübten Verbrechens", teilte das Staatliche Ermittlungskomitee am Sonntag in Moskau mit. Nach der Messerattacke in der finnischen Stadt Turku prüfen die Ermittler, ob der Tatverdächtige in Verbindung zur Terrormiliz Islamischer Staat stand. Der 18 Jahre alte Marokkaner wurde am Freitag von der Polizei angeschossen und liegt im Krankenhaus. Bei dem Angriff wurden zwei Finninnen erstochen und weitere Menschen verletzt. Die Polizei geht von einem terroristischen Hintergrund aus und glaubt, dass der Täter gezielt Frauen attackieren wollte. Sie nahm vier weitere Verdächtige fest.