In Erbil herrscht nach dem Blutbad am islamischen Opferfest blankes Entsetzen. Doch wirklich überraschend ist es nicht, dass es Kräfte im Irak gibt, die den Funktionären der Kurdenparteien nach dem Leben trachten. Seit Monaten schon sind die Parteigebäude in Erbil, Suleimanija und Kirkuk mit Sicherheitssperren gegen Autobomben befestigt. Denn die Kurdische Demokratische Partei (KDP) von Massud Barsani und die Patriotische Union Kurdistans (PUK) von Dschalal Talabani haben viele Feinde.
Da sind zum einen die Gegner der von beiden Parteien geforderten Föderalismusidee. Deren Umsetzung würde letztlich eine Verfestigung der Autonomiestrukturen in dem von PUK und KDP kontrollierten Gebiet im Norden unter Einbeziehung der Ölstadt Kirkuk bedeuten. Auch die konservativen Schiitenparteien, die in den ersten Wochen nach dem Sturz des Regimes von Saddam Hussein im provisorischen Regierungsrat noch eng mit den Kurden kooperierten, sind auf Talabani und Barsani derzeit nicht gut zu sprechen.
Denn beide Parteichefs lehnen die von Großajatollah Ali el Sistani geforderten landesweiten Wahlen noch in diesem Jahr ab, da diese ihre Föderalismuspläne zerschlagen könnten. Denn sollten die Schiiten, die 60 Prozent der irakischen Bevölkerung ausmachen, den religiösen Parteien ihre Stimme geben, würde diese Mehrheit auf die Einheit des Landes pochen und das Föderalismusprojekt verhindern.
Doch noch schwerer wiegt nach der Suche nach den möglichen Hintermänner des Anschlags die Tatsache, dass die beiden Kurdenparteien treuer zur amerikanischen Besatzungsmacht stehen als irgendeine andere politische Gruppierung im Irak. Dies macht sie sowohl für die Anhänger des entmachteten Saddam-Regimes als auch für die islamischen Fundamentalisten zu Verrätern und damit zu Anschlagszielen.
Schon direkt nach dem Sturz von Saddam Hussein, der die Kurden einst blutig verfolgt hatte, war im Norden der Ruf nach einem eigenen Kurdenstaat laut geworden. Da dies gegen den Willen der türkischen Nachbarn und der US-Besatzungsmacht aber politisch nicht durchsetzbar war, forderte die Führung stattdessen weitgehende Autonomie in einem Föderalstaat.
Nach dem Blutbad von gestern könnten separatistische Ideen bei irakischen Kurden allerdings noch mehr Anhänger finden. Denn bestätigt fühlen werden sich durch die Gewalt vor allem diejenigen Kurden, die immer schon der Meinung waren, dass aus Bagdad ohnehin nur Schlechtes kommt und die glauben, "die Berge sind die einzigen Freunde der Kurden".
Indes traf der amerikanische Vizeverteidigungsminister Paul Wolfowitz gestern zu einem Besuch von US-Truppen im Irak ein. Das meldete der arabische Fernsehsender El Dschasira. Wolfowitz kam aus Deutschland, wo er das Hauptquartier der 1. US-Infanteriedivision in Würzburg besucht hatte. Die Division wird diesen Monat in den Irak verlegt.
Wolfowitz reiste bereits zum dritten Mal seit dem Ende der Kampfhandlungen im Irak nach Bagdad. Am 25. Oktober war er in der irakischen Hauptstadt nur knapp einem Anschlag entgangen, als das Hotel "Raschid" mit einem Raketenwerfer beschossen wurde.